»Kapitel vierzehn ist aber lang...« bemerkte Lizzard beim Kommaauspeitschen. Na und, dafür ist das Leben noch viel länger, auch wenn Jopie heute, kurz vor seinem 108. Ehrentag einen Schwächeanfall erlitt. Möge Odin ihm die Kraft geben, »Rattenkampf« noch bis zum Ende zu lesen! Ist ja sonst blöd, so was, mit angefangenen Serien. ;o)
Věra Špinarová »Kosmická láska« (1982)
Kapitel 14
In seiner Pension duschte er und zog sich um. Jetzt war er wieder der gutaussehende Mann, der Eindruck hinterließ, und nicht der angepißte, stinkende Straßenköter, der sich durch sein Leben biß.
Er packte ein paar Sachen zusammen und legte sie neben seinen Laptop griffbereit auf die Bettcouch.
Wenn sein Plan schiefging, mußte er verschwinden. Nicht gänzlich, aber hier würde er nicht mehr ruhig schlafen können. Er muß jetzt zu der M. gehen und ihr reinen Wein einschenken. Wenn sie es schluckte, hatte er die ganze Nacht Zeit, mit ihr zu reden. Er hatte keine Angst davor. Nicht vor ihr. Er hatte nur Angst, daß sie ihn rausschmiß, ohne daß er sich erklären konnte.
Die Kerzen standen bereit und das Essen noch in der Küche. Sie hatte schon seit Ewigkeiten nicht mehr gekocht und erstaunt festgestellt, daß es ihr Spaß machte. Wahrscheinlich kam es darauf an, für wen man in der Küche stand.
Morgen waren sie in den Staaten. Joe Blacks Leiche war von der Polizei freigegeben worden und eine Unterschrift von ihr genügte, um sie in die Schweiz überführen zu können. Auf dem Seeweg natürlich. Joe haßte das Meer und nun hatte er alle Zeit dieser Welt, seine Heimfahrt zu genießen.
Sie war guter Dinge, wie schon lange nicht mehr, und sie freute sich auf alles – auf ihn, auf das Essen mit ihm, die Nacht mit ihm und auf die Reise mit ihm.
Als er in der Tür stand, war sie glücklich. Er nicht. Er schien etwas bedrückt und niedergeschlagen zu sein. Aber sie beschloß, dies zu ignorieren. Nach dem Essen sieht die Welt für gewöhnlich anders aus; und sie hatten ja genug Zeit, darüber zu reden.
Die attraktive Frau um die 30 stand plötzlich im Zimmer, erschien unvermittelt, wie ein böser Geist. Als der Joker sie bemerkte, war es bereits zu spät. Er hätte sowieso nichts mehr tun können. Sie schoß sofort und das Hirn der M. spritzte gegen die Wand, noch bevor es zu Ende überlegen konnte, wo diese Frau plötzlich hergekommen war. So war der Fairness Genüge getan. Es gab nur noch sie und ihn.
Sein Hirn hatte keine Lust, zermatscht an der Wand zu enden und schaltete alle Regionen ab, die etwas mit Gefühl zu tun hatten. Er war eiskalt und in den Überlebensmodus geschaltet.
Er hätte sie erschießen sollen. Kein Hahn hätte mehr nach ihr gekräht. Die Polizei nicht, ihr Auftraggeber nicht und der Killer, der ihr auf den Fersen sein mußte, auch nicht.
Unaufgefordert ging er rückwärts zum Tresor, die Arme leicht nach außen gebogen und die Handflächen ihr zugewandt. Sie bedeutete ihm stehenzubleiben.
Seine Augen taxierten sie. Ihre Miene war angespannt, aber sonst ausdruckslos, und sie sah aus, wie aus dem Ei gepellt. Als hätte es den Nachmittag und das Stundenhotel nicht gegeben. Sie ging um ihn herum und durchsuchte mit einer Hand die Fächer des Schreibtisches rund um den Tresor.
Sie tat gut daran, denn sie fand seine Waffe. Sie lag schon seit gestern Abend dort. Sie glich ihrer eigenen aufs Haar. Derselbe kurzläufige Revolver mit einer 6 Schuß Kammer und einem abgesägten Korn. Sogar die Patronen waren identisch. Sie ging den Weg zurück, ihre Waffe auf ihn gerichtet und darauf bedacht, ihm nicht zu nahe zu kommen.
Dann ging es weiter in die Küche. Sie dirigierte ihn mit dem Lauf der Pistole. Er mußte ihr folgen. Am Besteckkasten angelangt, griff sie sich den Tresorschlüssel und warf ihm diesen zu.
Die Handschellen waren ein Witz. Das waren Billigteile aus dem BDSM-Zubehörhandel. Aber auch höherwertige, selbst solche, die die Polizei nutzte, waren schnell aufzubekommen.
Sie funktionieren alle nach demselben Prinzip. An einem Bügel ist ein Zahnkranz eingefräst. Schließt man die Schelle, ratscht eine bewegliche Sperre über den Zahnkreis, die sofort in ihn einklinkt, wenn man den Bügel wieder in die andere Richtung ziehen will, also die Fessel wieder lösen möchte. Der Schlüssel ist im Prinzip nur ein Haken, der die Sperre wieder nach oben drückt, damit diese den Zahnkranz freigibt.
Es gibt zwei Möglichkeiten, die Sperre auch ohne Schlüssel aufzuhebeln. Entweder man bastelt sich aus einem festen Stück Draht – beliebt sind dafür Haar- oder Büroklemmen – einen Haken, den man direkt an der Schelle zurechtbiegen kann und benutzt ihn als Schlüssel. Oder man nimmt einen schmalen, leicht elastischen Plastikstreifen, führt ihn einfach seitlich in die Schelle ein und drückt ihn zwischen Sperre und Zahnkranz - ist die schnellere und elegantere Lösung, wenn man über ein geeignetes Stück Plastik verfügt.
Sie hatte sogar zwei davon. Ihre Vorliebe für klassisch geschnittene Blusen, mit hochaufstehenden Kragen half ihr, sich aus dieser mißlichen Lage zu befreien. Vorne im Kragen, rechts und links, waren zwei passende Streifen eingearbeitet, die diesen nach oben versteiften. Früher benutzte man statt Plastik- Pappstreifen, die man vor dem Waschen einfach herausziehen konnte, wie bei ihrer Bluse.
Der Joker hatte ihr die Hände nach vorn um das Bettgestell gefesselt, so daß sie problemlos an die Streifen kam. Sie war schon frei, als er sich draußen anschickte, daß Zimmer für drei weitere Tage zu bezahlen.
Sie war also schon mal in dieser Wohnung gewesen und hatte diese durchsucht. Das konnte nur während ihres Opernbesuches gewesen sein. Die hier verbauten Schlösser waren keine große Hürde. Den Tresorschlüssel hatte sie gefunden, aber ihr Photo mit Joe Black übersehen.
Sie machte viel zu viele Fehler, um in diesem Gewerbe alt werden zu können. Mit dem Rücken zur Sitzecke stehend, warf sie ihm den Tresorschlüssel zu.
Über ihre Schulter sah er, daß dieses Schwarz/Weiß Photo fehlte. Warum? Was wußte die M.? Er ahnte, daß es noch eine böse Überraschung geben würde. Das Bild war nicht zufällig verschwunden. Die M. hatte es abgenommen, damit er oder jemand anders es nicht zu sehen bekam. Nein, eher jemand anders. Die Bullen vielleicht. Das Kitschbild mit Goethes Hexeneinmaleins fehlte auch. In der Komposition der Bilder an der Wand klaffte ein Loch.
Darauf konnte er sich gar keinen Reim machen, aber seine dunklen Vorahnungen verdichteten sich.
Sie ging duschen, als er das Hotel verließ. Ihr Schlachtplan war klar. Sie würde im Park auf ihn warten. Dort im Gebüsch, wo sie schon einen halben Abend verbracht hatte. Er mußte noch einmal in die Pension zurückkommen, um sich umzuziehen. So in Jeans und Kapuzenshirt konnte er der M. nicht unter die Augen treten, das verschaffte ihr einen Zeitvorteil.
Fertig angezogen, nahm sie ihren Revolver aus dem Nachttisch. Die Patronen waren noch drin. Eine zog sie prüfend heraus. Er hatte sie nicht ausgetauscht. Warum sollte er auch? Er konnte nicht ahnen, daß sie sich so schnell befreien würde und ließ ihr die Chance, sich später eventuell ihren Weg freischießen zu können.
Seine Demütigungen waren nicht vergessen. Gerade in diesem Milieu, in dieser lausigen Gegend und diesem heruntergekommenen Hotel, schmerzten sie doppelt. Das hier kannte sie alles und sie haßte es. Sie haßte es, wie ihre versoffenen Eltern, die sie in so einem Umfeld haben groß werden lassen. Immer war dort einer stärker als sie und die Ratten kannten nichts anderes, als sich gegenseitig fertig zu machen.
Mit 15 Jahren gewann sie das erste Mal. Nicht gegen Gleichaltrige - darin war sie geübt - nein, gegen einen, der schon Mitte Zwanzig war. Sie war dabei, sie war gezwungen zu zusehen, was seine Freunde mit ihrer älteren Schwester machten. Die Brutalität war es nicht, die sie stark machte, die kannte sie, aber die Hilflosigkeit ihrer Schwester, dem ausgeliefert zu sein, schon. Zu oft hatte sie Ähnliches gesehen und war selbst, wie durch ein Wunder, bis jetzt davon verschont geblieben. Sie hätte es nicht ertragen und sie biß, sie riß ihm den Schwanz ab, als er es seinen Freunden gleich tun wollte.
Es stimmte schon. Täter suchten sich ihre Opfer nicht aus. Die Opfer boten sich an. Sie war keines, sie würde niemals eines sein.
Seine Pistole nahm sie mit. Es war ihr Startkapital in eine bessere Welt.
Madam M. mußte sterben. Das war sie dem Joker schuldig.
Nancy Sinatra »Sugar Town« (»Summer Wine« Single, 1966)
29.11.2011
24.11.2011
Rattenkampf, Kapitel 13
Jetzt schlägt es quasi dreizehn! Womit wir schon deutlich aufs Ende der ganzen Aktion zurutschen. Aber noch isses nicht so weit! ;o)
Gorf »Electronic Beat Bastards« (2002)
Kapitel 13
Sie goß sich nun doch einen Pernod ein. Ihre Telefonate waren überwiegend zufriedenstellend verlaufen. Die Nachricht vom Tod ihres Mannes hatte sich schon wie ein Lauffeuer verbreitet und niemand machte einen Hehl daraus, mit welcher Freude die Nachricht aufgenommen wurde und man ging ganz selbstverständlich davon aus, daß sein Tod in ihr ebenfalls kein Herzdrücken hinterließ, was ja auch zutraf.
Alle Angerufenen sicherten ihr tatkräftige Hilfe bei der Unternehmensrettung zu. Uneigennützig war das keinesfalls. Jetzt, wo ihr Mann nicht mehr da war, drohte der Kessel zu explodieren, den er all die Jahre im Zaum halten konnte. Wenn sie ihr halfen, Licht in das Dickicht seiner Geschäfte zu bringen, retteten sie sich nicht nur selbst, sondern beabsichtigten auch, näher an seinen Futtertrog heranzurücken.
Die Karten wurden gerade neu gemischt und sie, die M., würde sie verteilen. Daß sie dabei Zugeständnisse machen mußte, war ihr klar.
Teile und herrsche! Das würde ihr Credo sein. Damit würde sie besser fahren als ihr egozentrischer Mann. Sein Absolutismus hatte ihn ins Grab gebracht. Sie schenkte sich nach und rief in der Schweiz an. Sie kannte dort einen netten kleinen Friedhof …
Der Joker wußte, wer sie war. Er hat es vielleicht nicht von Anfang an gewußt, aber spätestens, als er zu ihr in das Lokal kam. Er war nicht Macht seiner Gewohnheit dorthin gekommen, wie sie gehofft hatte; nein, er hat ihr eine Audienz gewährt.
Ohnmächtige Wut stieg in ihr hoch, aber sie war eine zu gute Schauspielerin, um es ihn merken zu lassen. Sie hatte ihm sowieso schon zu viel erzählt. Niemand ist vollkommen. Auch der Joker nicht. Er konnte ihr entweder zu hören und auf ihr Geplapper eingehen oder den Lügendetektor spielen. Beides zusammen ging nicht.
Er verhielt sich nicht so, als hätte er die Chance, eine attraktive junge Frau kennenzulernen. Er betrachtete sie nicht wie eine Frau, die ihm ihre Zuneigung antrug, sondern er beobachtete eine Laborratte. Sie war seine Ratte. Woher wußte er es? Egal, auch Ratten haben Zähne. Er war also im Bilde.
Warum war er dann hier? Weil er nicht wußte, was er tun sollte. Er konnte die Brisanz der Dokumente nicht einschätzen und mußte sie unbedingt zu Geld machen. Gut, sie hatte auch nur eine vage Vorstellung, um was für Unterlagen es sich handelte, aber sie kannte ihren Preis und hatte einen Abnehmer dafür.
Das Geld, was er ihr dafür geboten hatte, war nur ein Bruchteil von dem, was sie wirklich wert waren, aber es würde ausreichen, um die nächsten Jahre sorgenfrei leben zu können.
Daß sie untertauchen mußte, war ihr völlig klar. Sie hatte Joe erschießen müssen. Einen Mann, den sie verehrte und für den sie so etwas wie Zuneigung empfand. Auch er war ihr gegenüber nicht frei von Gefühlsregungen gewesen. Ein Umstand, der ihn erschreckte, den er aber zuließ.
Vorbei, er war tot und sie eine heiße Kartoffel, an der man sich die Finger verbrennen konnte. Daß der Joker zu ihr gekommen war, ließ sie hoffen, das Blatt noch wenden zu können. Sie spielte sein Spiel mit, hakte sich bei ihm unter und plapperte weiter auf ihn ein.
Für die beiden Polizisten war der Besuch bei Mac Donalds Besuch auch wenig erfreulich. Die Pommes waren matschig und fad, und bevor sie sich darüber beschweren konnten, lief ihnen dieser Kleindealer in die Hände, nach dem die Fahndung seit Monaten lief und die sie seit Monaten ignorierten. Er war noch ein halbes Kind, aber eben ein Dealer.
Sie schleiften ihn in ihren Dienstwagen, um ihn in einer Seitengasse wieder laufen, besser kriechen, zu lassen, denn sie schlugen ihn vorher krankenhausreif. Das war ihre Auffassung von Pädagogik und Strafvollzug.
Wenn sie ihn festnahmen, wäre er eine Stunde später wieder frei. Verurteilt werden würde er, wenn überhaupt, in drei bis vier Jahren und erst dann, wenn seine Straflatte so hoch war, daß sich ein Verfahren gegen ihn lohnte. Wer weiß, was er bis dahin noch alles anstellen würde. So bekam er eben regelmäßig Prügel.
Das machte ihn zwar nicht besser, aber die beiden hatten wenigstens das gute Gefühl, etwas getan zu haben. Als er sich an einer Hauswand blutig erbrach und in das Erbrochene zusammenrutschte, befanden sie, daß eben jeder so seine Probleme hatte und für heute der Gerechtigkeit Genüge getan war, und sie beschlossen, bis zum Dienstschluß im Revier Kaffee zu trinken.

Er war dabei, den größten Fehler seines Lebens zu begehen. Sein Übermut forderte seinen Tribut. Sie lag vor ihm. Nackt, und er hatte sie gevögelt. Hier in einem Stundenhotel, wo ihn keiner kannte. Es war nicht seine Idee. Sie hatte ihn hierher gelotst, in das Bett gezerrt und versucht, mit ihm Klartext zu reden. Er hat es geschehen lassen, weil er wissen wollte, wie weit sie gehen würde, um an die Unterlagen zu kommen. Dabei war ihm dies völlig klar.
Er wußte genau, wie es in seiner Laborratte aussah und hat ihre Verzweifelung genutzt, um sie noch zu demütigen. Sie hat ihn angebettelt und sie hat sich vor ihm erniedrigt – tiefer kann eine Frau nicht sinken.
Er war nur ein Verlierer, so erfolgreich er auch war, und letztendlich war er auch nur eine Ratte. Aber die Ratte, die gewonnen hatte. Das war der Unterschied.
Sie zu fesseln, war der größte Fehler seines Lebens. Ach, hätte er sie doch einfach erschossen. Gut, er war kein Killer. Ihr die Knie zu brechen, wäre ausreichend gewesen.
Die Handschellen fand er in der Schublade des Nachttisches – eine kleine Aufmerksamkeit des Hauses. Sie wehrte sich nicht, als er sie ihr anlegte und sie damit an das Bett fesselte. Ihren Revolver legte er in die Nachttischschublade und das Zimmer bezahlte er noch für die nächsten drei Tage. Ehe man sie finden würde, wäre er schon über alle Berge, so hoffte er. In den Staaten, unerreichbar für sie.
Rummelsnuff »Wenn du aus dem Leben schwindest« (»Sender Karlshorst«, 2010)
Gorf »Electronic Beat Bastards« (2002)
Kapitel 13
Sie goß sich nun doch einen Pernod ein. Ihre Telefonate waren überwiegend zufriedenstellend verlaufen. Die Nachricht vom Tod ihres Mannes hatte sich schon wie ein Lauffeuer verbreitet und niemand machte einen Hehl daraus, mit welcher Freude die Nachricht aufgenommen wurde und man ging ganz selbstverständlich davon aus, daß sein Tod in ihr ebenfalls kein Herzdrücken hinterließ, was ja auch zutraf.
Alle Angerufenen sicherten ihr tatkräftige Hilfe bei der Unternehmensrettung zu. Uneigennützig war das keinesfalls. Jetzt, wo ihr Mann nicht mehr da war, drohte der Kessel zu explodieren, den er all die Jahre im Zaum halten konnte. Wenn sie ihr halfen, Licht in das Dickicht seiner Geschäfte zu bringen, retteten sie sich nicht nur selbst, sondern beabsichtigten auch, näher an seinen Futtertrog heranzurücken.
Die Karten wurden gerade neu gemischt und sie, die M., würde sie verteilen. Daß sie dabei Zugeständnisse machen mußte, war ihr klar.
Teile und herrsche! Das würde ihr Credo sein. Damit würde sie besser fahren als ihr egozentrischer Mann. Sein Absolutismus hatte ihn ins Grab gebracht. Sie schenkte sich nach und rief in der Schweiz an. Sie kannte dort einen netten kleinen Friedhof …
Der Joker wußte, wer sie war. Er hat es vielleicht nicht von Anfang an gewußt, aber spätestens, als er zu ihr in das Lokal kam. Er war nicht Macht seiner Gewohnheit dorthin gekommen, wie sie gehofft hatte; nein, er hat ihr eine Audienz gewährt.
Ohnmächtige Wut stieg in ihr hoch, aber sie war eine zu gute Schauspielerin, um es ihn merken zu lassen. Sie hatte ihm sowieso schon zu viel erzählt. Niemand ist vollkommen. Auch der Joker nicht. Er konnte ihr entweder zu hören und auf ihr Geplapper eingehen oder den Lügendetektor spielen. Beides zusammen ging nicht.
Er verhielt sich nicht so, als hätte er die Chance, eine attraktive junge Frau kennenzulernen. Er betrachtete sie nicht wie eine Frau, die ihm ihre Zuneigung antrug, sondern er beobachtete eine Laborratte. Sie war seine Ratte. Woher wußte er es? Egal, auch Ratten haben Zähne. Er war also im Bilde.
Warum war er dann hier? Weil er nicht wußte, was er tun sollte. Er konnte die Brisanz der Dokumente nicht einschätzen und mußte sie unbedingt zu Geld machen. Gut, sie hatte auch nur eine vage Vorstellung, um was für Unterlagen es sich handelte, aber sie kannte ihren Preis und hatte einen Abnehmer dafür.
Das Geld, was er ihr dafür geboten hatte, war nur ein Bruchteil von dem, was sie wirklich wert waren, aber es würde ausreichen, um die nächsten Jahre sorgenfrei leben zu können.
Daß sie untertauchen mußte, war ihr völlig klar. Sie hatte Joe erschießen müssen. Einen Mann, den sie verehrte und für den sie so etwas wie Zuneigung empfand. Auch er war ihr gegenüber nicht frei von Gefühlsregungen gewesen. Ein Umstand, der ihn erschreckte, den er aber zuließ.
Vorbei, er war tot und sie eine heiße Kartoffel, an der man sich die Finger verbrennen konnte. Daß der Joker zu ihr gekommen war, ließ sie hoffen, das Blatt noch wenden zu können. Sie spielte sein Spiel mit, hakte sich bei ihm unter und plapperte weiter auf ihn ein.
Für die beiden Polizisten war der Besuch bei Mac Donalds Besuch auch wenig erfreulich. Die Pommes waren matschig und fad, und bevor sie sich darüber beschweren konnten, lief ihnen dieser Kleindealer in die Hände, nach dem die Fahndung seit Monaten lief und die sie seit Monaten ignorierten. Er war noch ein halbes Kind, aber eben ein Dealer.
Sie schleiften ihn in ihren Dienstwagen, um ihn in einer Seitengasse wieder laufen, besser kriechen, zu lassen, denn sie schlugen ihn vorher krankenhausreif. Das war ihre Auffassung von Pädagogik und Strafvollzug.
Wenn sie ihn festnahmen, wäre er eine Stunde später wieder frei. Verurteilt werden würde er, wenn überhaupt, in drei bis vier Jahren und erst dann, wenn seine Straflatte so hoch war, daß sich ein Verfahren gegen ihn lohnte. Wer weiß, was er bis dahin noch alles anstellen würde. So bekam er eben regelmäßig Prügel.
Das machte ihn zwar nicht besser, aber die beiden hatten wenigstens das gute Gefühl, etwas getan zu haben. Als er sich an einer Hauswand blutig erbrach und in das Erbrochene zusammenrutschte, befanden sie, daß eben jeder so seine Probleme hatte und für heute der Gerechtigkeit Genüge getan war, und sie beschlossen, bis zum Dienstschluß im Revier Kaffee zu trinken.

Er war dabei, den größten Fehler seines Lebens zu begehen. Sein Übermut forderte seinen Tribut. Sie lag vor ihm. Nackt, und er hatte sie gevögelt. Hier in einem Stundenhotel, wo ihn keiner kannte. Es war nicht seine Idee. Sie hatte ihn hierher gelotst, in das Bett gezerrt und versucht, mit ihm Klartext zu reden. Er hat es geschehen lassen, weil er wissen wollte, wie weit sie gehen würde, um an die Unterlagen zu kommen. Dabei war ihm dies völlig klar.
Er wußte genau, wie es in seiner Laborratte aussah und hat ihre Verzweifelung genutzt, um sie noch zu demütigen. Sie hat ihn angebettelt und sie hat sich vor ihm erniedrigt – tiefer kann eine Frau nicht sinken.
Er war nur ein Verlierer, so erfolgreich er auch war, und letztendlich war er auch nur eine Ratte. Aber die Ratte, die gewonnen hatte. Das war der Unterschied.
Sie zu fesseln, war der größte Fehler seines Lebens. Ach, hätte er sie doch einfach erschossen. Gut, er war kein Killer. Ihr die Knie zu brechen, wäre ausreichend gewesen.
Die Handschellen fand er in der Schublade des Nachttisches – eine kleine Aufmerksamkeit des Hauses. Sie wehrte sich nicht, als er sie ihr anlegte und sie damit an das Bett fesselte. Ihren Revolver legte er in die Nachttischschublade und das Zimmer bezahlte er noch für die nächsten drei Tage. Ehe man sie finden würde, wäre er schon über alle Berge, so hoffte er. In den Staaten, unerreichbar für sie.
Rummelsnuff »Wenn du aus dem Leben schwindest« (»Sender Karlshorst«, 2010)
23.11.2011
Rattenkampf, Kapitel 12
Und weil es so furchtbar finster ist... uns spooky... deshalb kurz vor Mitternacht... der 12. Teil zur 12. Stunde. Kann ja keiner was dafür, wenn der Championsleague-Mittwoch auch Veröffentlichungstag ist. Wird´s halt später, auch wenn der Landskronmichi schon gerannt ist, als wüsste er, wie spät es wieder wird. ;o)
Uuuund los!
Bee Gees »Living Eyes« (»Living Eyes«, 1981)
Kapitel 12
Er sah sie sofort hinten in der Ecke sitzen. Von dort aus hatte sie den Überblick und saß gleichzeitig wie auf dem Präsentierteller. Nicht nur räumlich, auch durch ihre geschmackvolle Kleidung hob sich von ihrer Umgebung ab. An ihren Tisch würde sich kein Stadtteiltrinker verirren. Sie spielte in einer anderen Liga, das sah man ihr an und das wurde gewöhnlich von ihnen respektiert.
Nur er, als Mittler zwischen den Welten, konnte sich zu ihr setzen, ohne daß ein Raunen durch den Raum ging.
»Und? Heute schon jemanden über den Haufen gefahren?« Seinen Cheeseburger mit Pommes frites stellte er direkt vor ihr ab, als wollte er zu ihr sagen: Friß oder stirb. Den Laptop plazierte er so, daß vor ihm noch Platz für seine Cola war. Die Hälfte davon schüttete er in den Blumentopf am Fenster und füllte das Glas ungeniert mit dem frisch erworbenen Wodka vom Ukrainer wieder auf.
Er durfte sich nicht nur so benehmen, er mußte es. Seine Klientel erwartete dies von ihm.
Sie wußte nicht so recht, was sie von seinem Auftritt halten sollte. Sie fühlte sich etwas überfahren und ihrer Führung beraubt. Das hatte er beabsichtigt.
Nachdem er die Wohnung der M. verlassen hatte, war er in seine Pension gelaufen, um sich umzuziehen. Den Laptop nahm er als Requisite mit. Darauf war nichts, was für andere interessant gewesen wäre. Nur fertige und halbfertige Lektoratsarbeiten wissenschaftlicher Natur und ein paar belanglose Mails.
Er wollte sie verunsichern und in die Ecke drängen, so daß sie anfing, Fehler zu machen. Fehler, die Rückschlüsse über das zuließen, was er von ihr wissen wollte.
Aber sie tat ihm den Gefallen nicht. Sie zeigte sich äußerlich unbeeindruckt, plauderte brav über ihr Mißgeschick vom Vortag, ließ Komplimente an ihn einfließen und fragte ihn sogar nach Nebensächlichkeiten. Kurz, sie plapperte wie ein Wasserfall und wie mit einem alten Bekannten, und er hörte gar nicht hin.
Nein, er hörte schon auf das, was sie erzählte, aber er achtete mehr darauf, wie sie etwas sagte. Er analysierte ihren wechselnden Tonfall, die Tonfarbe, wie sie ihre Stimme hob und senkte, und verglich alles mit ihrer Körpersprache. Gerade diese sagte ihm mehr, als ihr lieb sein konnte.
Auf diese Dinge zu achten, sie bewußt wahrzunehmen, lehrte ihn sein Meister, und geübt hatte er es hier auf der Straße. Diese verzieh keine Fehler, aber sie beließ es bei einer gebrochenen Nase oder einer geklauten Brieftasche.
Was er aus ihr herauszulesen vermochte, war wenig amüsant. Er hatte Recht, die Frau hatte keine Zeit und sie war allein. Sie versuchte mit aller Macht, ihn für sich einzunehmen. Er ging darauf ein. Sie war ein ganz leckerer Käfer, hochintelligent, überaus charmant, und ihre laszive Ausstrahlung beeindruckte ihn.
Er konnte Joe Black gut verstehen. Sie verstand es, einem Mann um den Finger zu wickeln. Dabei blieb sie eiskalt und skrupellos.
Er mußte sich eingestehen, daß sie ihm gefiel. Sogar sehr gefiel. Sie würde niemandem gestatten, ihr persönlich näher zu kommen. Partnerschaften, welcher Art auch immer, ging sie völlig gefühllos ein. Sie würde besser in sein Leben passen als die M. An der konnte er sich verlieren, an der, die ihm gegenüber saß, nicht.
Wenn sie, gesetzt dem Fall, sie wären ein Paar, morgen verschwunden wäre, würde er es bedauern aber mehr auch nicht. Seine Gefühle würden apnoetauchen und nur gelegentlich die Wasseroberfläche erreichen.
Aber der Fall würde nicht eintreffen, denn die Frau war so gut wie tot. Sie hatte Joe Black erschossen, da war er sich jetzt sicher. Das konnte nur im Affekt passiert sein. Vermutlich war er ihr auf die Schliche gekommen. Daß gegen ihn etwas lief, wußte er ja, sonst hätte er ihn schließlich nicht zu seiner Frau geschickt.
War es eine Kurzschlußreaktion, saß ihr die Polizei bereits im Nacken. Nach Joes Tod war sie in den Staaten von der Bildfläche verschwunden. Was lag also näher als sie zu verdächtigen?
Ob sie ihr den Mord nachweisen konnten, war fraglich, aber auch nicht wichtig. Sie war mit seinem Tod »verbrannt«, also für ihre Auftraggeber nutzlos geworden. Mit Sicherheit saß schon jemand im Flugzeug, der dafür sorgen sollte, daß sie dauerhaft die Klappe hielt, bevor die Polizei sie erwischte. Denn wer wußte schon, was sie sonst noch auf dem Kerbholz hatte und mit welchen Pfunden sie vor Gericht und mit der Polizei zu dealen gedachte, um sich selbst zu retten.
Ihre letzte Chance war es, die Dokumente herbeizuschaffen und an ihre Auftraggeber zu übergeben. Diese, davon konnte er ausgehen, würden sie benutzen, um mit Joes Imperium Tabula Rasa zu spielen, wenn sie es nicht sowieso schon taten. Aber sie würde sie nicht bekommen. Nicht von ihm. Das war ihm jetzt endlich klar.
»Ob wir das Haus beobachten lassen sollen?« Die beiden Polizisten standen unschlüssig unten auf der Straße.
»Was haben wir in der Hand, um das rechtfertigen zu können? Nichts!« Beide zündeten sich eine Zigarette an und beim Feuergeben verbrannte sich einer von ihnen die Finger.
»Nichts haben wir in der Hand. Gar nichts. Nur dieses Bild von seiner neuen Sekretärin, die wohl auch seine Geliebte war.« Beide schauten hilflos zu M.s Wohnung.
»Aber sie ist seitdem verschwunden«, warf der eine ein.
»Na und? Sie wird ja kaum seiner Ehefrau die Aufwartung machen«, gab der andere zu bedenken. Er klopfte ihm sacht mit der flachen Hand auf die Schulter und drängte ihn zum Gehen.
»Die Frau geht uns schon nicht durch die Lappen. Die Fahndung nach ihr ist über Interpol in Gange. Auch wenn wir nicht wissen, wie sie wirklich heißt, so ein hübscher Käfer prägt sich bei jedem Polizisten, der einmal das Bild hier gesehen hat, ein. Und wenn nicht, ist das auch nicht schlimm. Genau genommen hat sie uns nur einen Gefallen getan. Ein Verbrecher weniger, an den wir nicht herangekommen wären. Komm, wir gehen Mittag essen. Heute ist Donnerstag. Da geht’s zu Mac Donalds.« Beide lachten, stiegen in ihren Dienstwagen und fuhren davon.
Die Polizisten sah er nur aus den Augenwinkeln. Sie stiegen in dem Moment aus ihrem Auto, als er mit ihr das Lokal verließ. Er konnte nicht wissen, wie nahe sie beide eben am Supergau vorbeigeschrammt waren. Nein, nur sie. Er hatte sie gerade erst kennengelernt, nachdem sie ihn gestern angefahren hatte. Damit war er aus dem Schneider.
Aber sie säße bis zur Halskrause im Schlamassel. In ihrer Manteltasche verbarg sie ihre Kanone. Das war ein Fehler, der dem Joker nie unterlaufen wäre. Der war sauber, was nicht hieß, das er keine Waffe besaß.
Er hatte sogar mehrere davon und er kam schnell an eine heran, egal, wo er sich gerade befand. Wie er das anstellte, war sein bestgehütetes Geheimnis. Aber im Grunde bestand es nur daraus, weit vorauszudenken, genug Leute zu kennen, die keinen Verdacht schöpften, wenn er überraschend auftauchte, und seine Begabung zu nutzen, Offensichtliches unsichtbar machen zu können.
Jetzt galt es, die Frau neben ihn verschwinden zu lassen. Zumindest für die nächsten zwei Tage. Dann war sie Geschichte und nicht mehr sein Problem.
The Sisters Of Mercy »Lucretia My Reflection« (»Floodland«, 1987)
Uuuund los!
Bee Gees »Living Eyes« (»Living Eyes«, 1981)
Kapitel 12
Er sah sie sofort hinten in der Ecke sitzen. Von dort aus hatte sie den Überblick und saß gleichzeitig wie auf dem Präsentierteller. Nicht nur räumlich, auch durch ihre geschmackvolle Kleidung hob sich von ihrer Umgebung ab. An ihren Tisch würde sich kein Stadtteiltrinker verirren. Sie spielte in einer anderen Liga, das sah man ihr an und das wurde gewöhnlich von ihnen respektiert.
Nur er, als Mittler zwischen den Welten, konnte sich zu ihr setzen, ohne daß ein Raunen durch den Raum ging.
»Und? Heute schon jemanden über den Haufen gefahren?« Seinen Cheeseburger mit Pommes frites stellte er direkt vor ihr ab, als wollte er zu ihr sagen: Friß oder stirb. Den Laptop plazierte er so, daß vor ihm noch Platz für seine Cola war. Die Hälfte davon schüttete er in den Blumentopf am Fenster und füllte das Glas ungeniert mit dem frisch erworbenen Wodka vom Ukrainer wieder auf.
Er durfte sich nicht nur so benehmen, er mußte es. Seine Klientel erwartete dies von ihm.
Sie wußte nicht so recht, was sie von seinem Auftritt halten sollte. Sie fühlte sich etwas überfahren und ihrer Führung beraubt. Das hatte er beabsichtigt.
Nachdem er die Wohnung der M. verlassen hatte, war er in seine Pension gelaufen, um sich umzuziehen. Den Laptop nahm er als Requisite mit. Darauf war nichts, was für andere interessant gewesen wäre. Nur fertige und halbfertige Lektoratsarbeiten wissenschaftlicher Natur und ein paar belanglose Mails.
Er wollte sie verunsichern und in die Ecke drängen, so daß sie anfing, Fehler zu machen. Fehler, die Rückschlüsse über das zuließen, was er von ihr wissen wollte.
Aber sie tat ihm den Gefallen nicht. Sie zeigte sich äußerlich unbeeindruckt, plauderte brav über ihr Mißgeschick vom Vortag, ließ Komplimente an ihn einfließen und fragte ihn sogar nach Nebensächlichkeiten. Kurz, sie plapperte wie ein Wasserfall und wie mit einem alten Bekannten, und er hörte gar nicht hin.
Nein, er hörte schon auf das, was sie erzählte, aber er achtete mehr darauf, wie sie etwas sagte. Er analysierte ihren wechselnden Tonfall, die Tonfarbe, wie sie ihre Stimme hob und senkte, und verglich alles mit ihrer Körpersprache. Gerade diese sagte ihm mehr, als ihr lieb sein konnte.
Auf diese Dinge zu achten, sie bewußt wahrzunehmen, lehrte ihn sein Meister, und geübt hatte er es hier auf der Straße. Diese verzieh keine Fehler, aber sie beließ es bei einer gebrochenen Nase oder einer geklauten Brieftasche.
Was er aus ihr herauszulesen vermochte, war wenig amüsant. Er hatte Recht, die Frau hatte keine Zeit und sie war allein. Sie versuchte mit aller Macht, ihn für sich einzunehmen. Er ging darauf ein. Sie war ein ganz leckerer Käfer, hochintelligent, überaus charmant, und ihre laszive Ausstrahlung beeindruckte ihn.
Er konnte Joe Black gut verstehen. Sie verstand es, einem Mann um den Finger zu wickeln. Dabei blieb sie eiskalt und skrupellos.
Er mußte sich eingestehen, daß sie ihm gefiel. Sogar sehr gefiel. Sie würde niemandem gestatten, ihr persönlich näher zu kommen. Partnerschaften, welcher Art auch immer, ging sie völlig gefühllos ein. Sie würde besser in sein Leben passen als die M. An der konnte er sich verlieren, an der, die ihm gegenüber saß, nicht.
Wenn sie, gesetzt dem Fall, sie wären ein Paar, morgen verschwunden wäre, würde er es bedauern aber mehr auch nicht. Seine Gefühle würden apnoetauchen und nur gelegentlich die Wasseroberfläche erreichen.
Aber der Fall würde nicht eintreffen, denn die Frau war so gut wie tot. Sie hatte Joe Black erschossen, da war er sich jetzt sicher. Das konnte nur im Affekt passiert sein. Vermutlich war er ihr auf die Schliche gekommen. Daß gegen ihn etwas lief, wußte er ja, sonst hätte er ihn schließlich nicht zu seiner Frau geschickt.
War es eine Kurzschlußreaktion, saß ihr die Polizei bereits im Nacken. Nach Joes Tod war sie in den Staaten von der Bildfläche verschwunden. Was lag also näher als sie zu verdächtigen?
Ob sie ihr den Mord nachweisen konnten, war fraglich, aber auch nicht wichtig. Sie war mit seinem Tod »verbrannt«, also für ihre Auftraggeber nutzlos geworden. Mit Sicherheit saß schon jemand im Flugzeug, der dafür sorgen sollte, daß sie dauerhaft die Klappe hielt, bevor die Polizei sie erwischte. Denn wer wußte schon, was sie sonst noch auf dem Kerbholz hatte und mit welchen Pfunden sie vor Gericht und mit der Polizei zu dealen gedachte, um sich selbst zu retten.
Ihre letzte Chance war es, die Dokumente herbeizuschaffen und an ihre Auftraggeber zu übergeben. Diese, davon konnte er ausgehen, würden sie benutzen, um mit Joes Imperium Tabula Rasa zu spielen, wenn sie es nicht sowieso schon taten. Aber sie würde sie nicht bekommen. Nicht von ihm. Das war ihm jetzt endlich klar.
»Ob wir das Haus beobachten lassen sollen?« Die beiden Polizisten standen unschlüssig unten auf der Straße.
»Was haben wir in der Hand, um das rechtfertigen zu können? Nichts!« Beide zündeten sich eine Zigarette an und beim Feuergeben verbrannte sich einer von ihnen die Finger.
»Nichts haben wir in der Hand. Gar nichts. Nur dieses Bild von seiner neuen Sekretärin, die wohl auch seine Geliebte war.« Beide schauten hilflos zu M.s Wohnung.
»Aber sie ist seitdem verschwunden«, warf der eine ein.
»Na und? Sie wird ja kaum seiner Ehefrau die Aufwartung machen«, gab der andere zu bedenken. Er klopfte ihm sacht mit der flachen Hand auf die Schulter und drängte ihn zum Gehen.
»Die Frau geht uns schon nicht durch die Lappen. Die Fahndung nach ihr ist über Interpol in Gange. Auch wenn wir nicht wissen, wie sie wirklich heißt, so ein hübscher Käfer prägt sich bei jedem Polizisten, der einmal das Bild hier gesehen hat, ein. Und wenn nicht, ist das auch nicht schlimm. Genau genommen hat sie uns nur einen Gefallen getan. Ein Verbrecher weniger, an den wir nicht herangekommen wären. Komm, wir gehen Mittag essen. Heute ist Donnerstag. Da geht’s zu Mac Donalds.« Beide lachten, stiegen in ihren Dienstwagen und fuhren davon.
Die Polizisten sah er nur aus den Augenwinkeln. Sie stiegen in dem Moment aus ihrem Auto, als er mit ihr das Lokal verließ. Er konnte nicht wissen, wie nahe sie beide eben am Supergau vorbeigeschrammt waren. Nein, nur sie. Er hatte sie gerade erst kennengelernt, nachdem sie ihn gestern angefahren hatte. Damit war er aus dem Schneider.
Aber sie säße bis zur Halskrause im Schlamassel. In ihrer Manteltasche verbarg sie ihre Kanone. Das war ein Fehler, der dem Joker nie unterlaufen wäre. Der war sauber, was nicht hieß, das er keine Waffe besaß.
Er hatte sogar mehrere davon und er kam schnell an eine heran, egal, wo er sich gerade befand. Wie er das anstellte, war sein bestgehütetes Geheimnis. Aber im Grunde bestand es nur daraus, weit vorauszudenken, genug Leute zu kennen, die keinen Verdacht schöpften, wenn er überraschend auftauchte, und seine Begabung zu nutzen, Offensichtliches unsichtbar machen zu können.
Jetzt galt es, die Frau neben ihn verschwinden zu lassen. Zumindest für die nächsten zwei Tage. Dann war sie Geschichte und nicht mehr sein Problem.
The Sisters Of Mercy »Lucretia My Reflection« (»Floodland«, 1987)
reingefruttelt von
Octapolis
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The Sisters Of Mercy
22.11.2011
Junge, komm bald wieder! (oder auf amerikanisch: Rockettheo come back!)
Raketentheo kehrt zurück. Ja, genau, der, der immer gegelte Haare, ne Brille, ne Blondine und nen Doktortitel mit sich rumschleppte!!! Und der immer so toll Heavy Metal gehört hat!!!
Kunstpause - sacken lassen.
Also, zur Vorfreude was nach des Meisters Geschmäckle...
Airbourne »Runnin´ Wild« (»Runnin´ Wild«, 2008)
[jaaa, Lemmy hat nen LKW-Führerschein, hehe]
Aber erstmal (Artikel dazu) hat er, während seiner medidativen Selbstfindungsreise ins weit entfernte Kanada, was geschrieben. Selbst! Ein Buch. Titel: »Vorerst gescheitert«. Galgenhumorig, wie wir ihn lieben! Kostet zum Beispiel bei Amazon 19,99 Euro. Da geht unser geschätzter Ex-Doktor und Ex-Verteidigungsminister mit dem Hut rum und sammelt Zwanziger ein. Eine wärmende Träne der Rührung rutscht soeben über des Verfassers Antlitz!
Letztes Jahr war nebst der altbewährten warmen Socken sicherlich der Weltfriede oder zur Not auch ein iPhone der Renner unter Deutschlands Weihnachtswünschen. 2011: Mutti, Mutti, bitte mach, dass der Weihnachtsmann das Theo-Buch bringt! So was von sicher! Der Buchhandel und das Pakettransportgewerbe frohlocken, astronomische Zugewinne kurz vor Jahresende - ein kleines Dankeschön des Herrn zu Guttenberg ans gebeutelte deutsche Volk. So ein Buch kann ja auch Quell der Wärme sein, in solch kalten Zeiten, wo einem vor lauter Wirtschaftskrise (im Verdacht, Schuld daran zu sein: Erzgebirgsnazis) der Schüttelfrost im festen Würgegriff hat.
Außerdem hat er die Haare schön. Also nicht mehr so schön wie vorher, aber immerhin. Und die Brille ist weg. Schade, die verriet so ein Stück seiner spitzbübischen Ader. Gefällt aber vielleicht den Frauen besser, wer weiß, das will ich nicht beurteilen.
Wie auch immer, es deutet sich in der Lektüre des Doktors an (oder le docteur, wie wir frankophonen Kanadier ihn nennen), dass er ein Comeback auf dem schillernden Parkett der deutschen Politik nicht ausschließt. Soll zumindest heraus zu lesen sein.
Blöd, jetzt habe ich gerade keine zwanzig Euro. Kann jemand nen Fuffi wechseln?
Moimir Papalescu & The Nihilists »Perfect Boy« (»Analogue Voodoo«, 2004)
Kunstpause - sacken lassen.
Also, zur Vorfreude was nach des Meisters Geschmäckle...
Airbourne »Runnin´ Wild« (»Runnin´ Wild«, 2008)
[jaaa, Lemmy hat nen LKW-Führerschein, hehe]
Aber erstmal (Artikel dazu) hat er, während seiner medidativen Selbstfindungsreise ins weit entfernte Kanada, was geschrieben. Selbst! Ein Buch. Titel: »Vorerst gescheitert«. Galgenhumorig, wie wir ihn lieben! Kostet zum Beispiel bei Amazon 19,99 Euro. Da geht unser geschätzter Ex-Doktor und Ex-Verteidigungsminister mit dem Hut rum und sammelt Zwanziger ein. Eine wärmende Träne der Rührung rutscht soeben über des Verfassers Antlitz!
Letztes Jahr war nebst der altbewährten warmen Socken sicherlich der Weltfriede oder zur Not auch ein iPhone der Renner unter Deutschlands Weihnachtswünschen. 2011: Mutti, Mutti, bitte mach, dass der Weihnachtsmann das Theo-Buch bringt! So was von sicher! Der Buchhandel und das Pakettransportgewerbe frohlocken, astronomische Zugewinne kurz vor Jahresende - ein kleines Dankeschön des Herrn zu Guttenberg ans gebeutelte deutsche Volk. So ein Buch kann ja auch Quell der Wärme sein, in solch kalten Zeiten, wo einem vor lauter Wirtschaftskrise (im Verdacht, Schuld daran zu sein: Erzgebirgsnazis) der Schüttelfrost im festen Würgegriff hat.Außerdem hat er die Haare schön. Also nicht mehr so schön wie vorher, aber immerhin. Und die Brille ist weg. Schade, die verriet so ein Stück seiner spitzbübischen Ader. Gefällt aber vielleicht den Frauen besser, wer weiß, das will ich nicht beurteilen.
Wie auch immer, es deutet sich in der Lektüre des Doktors an (oder le docteur, wie wir frankophonen Kanadier ihn nennen), dass er ein Comeback auf dem schillernden Parkett der deutschen Politik nicht ausschließt. Soll zumindest heraus zu lesen sein.
Blöd, jetzt habe ich gerade keine zwanzig Euro. Kann jemand nen Fuffi wechseln?
Moimir Papalescu & The Nihilists »Perfect Boy« (»Analogue Voodoo«, 2004)
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Octapolis
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21.11.2011
den Tätern auf der Spur...
Prinzipell geht mir sämtliches Ost/West-Gesülze tierisch auf den Zeiger. Wir rechnen nach: BRD, DDR 40 Jahre, jetzt 21 Gesamtdeutschland, die erste Halbzeit ist längst gelaufen. Ist nur noch nicht in allen Köpfen angekommen. Dennoch muss ich mal ein paar Zeilen zum Thema ablassen.
Was dieser Tage durch die Medien schallt ist an Taktlosigkeit und schlichter Arroganz wieder mal nicht zu unterbieten. Ein Aufschrei! Die Nazis! Aus dem Osten! Hinter jeder Litfaßsäule lauern sie. Da wirde der Ossi zur gemeingefährlichen Randgruppe degradiert, dass es eine Freude ist.
Gut, sie nennen nur beim Namen, was der Deutsche an sich schon weiß. Den eigentlichen, wie nennt man so was, Stammtischrassismus vielleicht, verbirgt man dabei auch nicht gerade geschickt. Anfangs gingen die ermittelnden Behörden ebenso wie der aufmerksame Nachbar (letzte Woche aus Antalya zurück gekommen, Wetter war schön, aber das Essen...) glasklar davon aus, das die türkischstämmigen Mordopfer von ihren eigenen Leuten erschossen wurden, was schlussrichtig den einzig möglichen Begriff - Döner-Morde - zum Ergebnis hatte. Eine Bevölkerungsgruppe auf ein Fastfoodprodukt zu reduzieren - Respekt, nicht schlecht! Nun, da es alle besser wissen, der Terror trug nicht, wie im Lehrbuch ein Kopftuch, könnte man sich wenigstens aus Respekt gegenüber den Opfern und ihren Angehörigen mal so sachte auf einen neuen Begriff einigen. Könnte. Hat man aber glatt vergessen, es waren und bleiben weiterhin die Döner-Morde. Konnte sich bei aller Ossi-Hetze auch keiner drum kümmern.
Ebenso wenig erscheint logisch, warum, trotz Einsatz moderner Kameras und sonst was für tollen Strategien, immerwieder ausschließlich ostdeutsche Fussballvereine, zuletzt die ruhmreiche SGD, politisch gegrätscht werden. Es kracht in etlichen Fussballstadien, brennt hier, prügelt sich da. Der deutsche Fussballbund ahndet so was gerne mit Geldstrafen um die zwanzigtausend Euro. Dynamo soll aber gleich aus dem nächsten Pokal gewippt werden, was finanziell mindestens fünfzig mal so schwer wiegt. Selbst bei den Spielübertragungen im TV, lassen sich Experten wie Poschmann & Co. dazu hinreißen auf flacheste Art Flagge zu zeigen. SGD Randale: Kamera drauf, ellenlange Kommentare während und nach dem Spiel. Feuerchen in Frankfurt am Main: Kann mal passieren, sollen sich ja nicht erkälten. Fertig.
Summa summarum stellt sich die Frage, ob teilweise nicht auch politisches Kalkül hinter allem steckt, denn es gibt sie, diese Landstriche, in denen die Assoziationskette alle Probleme=Migranten (also auch gewalttätige Ostdeutsche)=nicht unser Problem=usw... keine schlechte Formel zur Mehrung von Wählerstimmen darstellt.
Blöd nur, wenn irgendwelche Hirnis auch immer wieder Futter dafür liefern. Beiderseits.
Ergo: Fickt euch alle ins Knie! ;o)
Die Goldenen Zitronen »Das bisschen Totschlag« (»Das bisschen Totschlag«, 1994)
Was dieser Tage durch die Medien schallt ist an Taktlosigkeit und schlichter Arroganz wieder mal nicht zu unterbieten. Ein Aufschrei! Die Nazis! Aus dem Osten! Hinter jeder Litfaßsäule lauern sie. Da wirde der Ossi zur gemeingefährlichen Randgruppe degradiert, dass es eine Freude ist.
Gut, sie nennen nur beim Namen, was der Deutsche an sich schon weiß. Den eigentlichen, wie nennt man so was, Stammtischrassismus vielleicht, verbirgt man dabei auch nicht gerade geschickt. Anfangs gingen die ermittelnden Behörden ebenso wie der aufmerksame Nachbar (letzte Woche aus Antalya zurück gekommen, Wetter war schön, aber das Essen...) glasklar davon aus, das die türkischstämmigen Mordopfer von ihren eigenen Leuten erschossen wurden, was schlussrichtig den einzig möglichen Begriff - Döner-Morde - zum Ergebnis hatte. Eine Bevölkerungsgruppe auf ein Fastfoodprodukt zu reduzieren - Respekt, nicht schlecht! Nun, da es alle besser wissen, der Terror trug nicht, wie im Lehrbuch ein Kopftuch, könnte man sich wenigstens aus Respekt gegenüber den Opfern und ihren Angehörigen mal so sachte auf einen neuen Begriff einigen. Könnte. Hat man aber glatt vergessen, es waren und bleiben weiterhin die Döner-Morde. Konnte sich bei aller Ossi-Hetze auch keiner drum kümmern.
Ebenso wenig erscheint logisch, warum, trotz Einsatz moderner Kameras und sonst was für tollen Strategien, immerwieder ausschließlich ostdeutsche Fussballvereine, zuletzt die ruhmreiche SGD, politisch gegrätscht werden. Es kracht in etlichen Fussballstadien, brennt hier, prügelt sich da. Der deutsche Fussballbund ahndet so was gerne mit Geldstrafen um die zwanzigtausend Euro. Dynamo soll aber gleich aus dem nächsten Pokal gewippt werden, was finanziell mindestens fünfzig mal so schwer wiegt. Selbst bei den Spielübertragungen im TV, lassen sich Experten wie Poschmann & Co. dazu hinreißen auf flacheste Art Flagge zu zeigen. SGD Randale: Kamera drauf, ellenlange Kommentare während und nach dem Spiel. Feuerchen in Frankfurt am Main: Kann mal passieren, sollen sich ja nicht erkälten. Fertig.
Summa summarum stellt sich die Frage, ob teilweise nicht auch politisches Kalkül hinter allem steckt, denn es gibt sie, diese Landstriche, in denen die Assoziationskette alle Probleme=Migranten (also auch gewalttätige Ostdeutsche)=nicht unser Problem=usw... keine schlechte Formel zur Mehrung von Wählerstimmen darstellt.
Blöd nur, wenn irgendwelche Hirnis auch immer wieder Futter dafür liefern. Beiderseits.
Ergo: Fickt euch alle ins Knie! ;o)
Die Goldenen Zitronen »Das bisschen Totschlag« (»Das bisschen Totschlag«, 1994)
20.11.2011
Rattenkampf, Kapitel 11
Heute fällt mir kein gescheites Vorwort ein. Raketentheo mimt in den USA den Europaexperten. Verschlägt Sprache, sowas.
Schönen Dank an Frau RWE für´s Einspringlektoriat. Und weiter geht´s...
Einstürzende Neubauten »Z. N. S.« (»Halber Mensch«, 1985)
Kapitel 11
Als sie aufwachte, schlief der Mann neben ihr noch. An diesen Anblick könnte sie sich wieder gewöhnen, stellte sie leicht wehmütig fest.
In der Küche kochte sie Kaffee und räumte seine noch nachträglich geleerte Flasche Wein grinsend weg. Für ihn war es sicher auch nicht einfach, einen anderen Menschen wieder an sich heran zu lassen. Immerhin schien er sich hier schon etwas heimisch zu fühlen. Den Korkenzieher hatte er wieder in das Besteckfach gelegt, das Glas in die Spüle und sogar der Aschenbecher war geleert.
Das sah gut für sie aus. Auch war er noch da und hatte sich nicht in der Nacht getrollt, wie ein räudiger Hund. Im Kühlschrank gab es nichts Neues. Das hieß nichts, außer ein paar Flaschen Pernod. Sie konnte sich nicht mehr daran erinnern, wann sie das letztemal auch etwas zum Frühstück gegessen hatte. Ihm ging es sicher ähnlich, da würde der Kaffee reichen.
Bevor sie duschen ging, nahm sie das Bild mit Goethes Hexeneinmaleins von der Wand und legte es umgedreht oben auf den Küchenschrank.
Als er aufwachte, fühlte er sich befreiter als gestern Nacht. Er hörte die Dusche rauschen und brannte sich eine Zigarette an. Kaffeeduft wehte aus der Küche zu ihm herüber. So viel Normalität fand er sonst abschreckend und er verzog sich schnell wieder.
Heute war das anders. Daran könnte er sich gewöhnen. Das erste Mal in seinem Leben. Der Gedanke beunruhigte ihn nicht. Aber das, was ihn heute erwartete.
Heute galt es einen Entschluß fassen. Morgen wollte sie in die Staaten fahren, um Joe Blacks und ihre Angelegenheiten zu klären. Ihn hatte sie gebeten mitzukommen. Spontan hatte er zugesagt, aber es sogleich wieder bereut. Das hieße für ihn, Stellung zu beziehen und aus dem Dunkel zu treten.
Er wußte noch nicht, ob er diesen harten Schnitt wollte. So wie jetzt, konnte er nicht weitermachen. Das war ihm diese Nacht in der Küche bewußt geworden. Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht. Und er war gerade dabei, dies zu tun.
Das Talent, bis ins hohe Alter seinen Job zu machen und dabei unentdeckt zu bleiben, wie es seinem Meister vergönnt war, hatte er wohl nicht. Sie hatten ihn entdeckt und sie hatte ihn gefunden.
Eine Frau, um die dreißig, also noch ein Frischling im Gewerbe.
Wie ihr das gelungen war, konnte er sich nicht erklären. Aber es gab nur zwei Möglichkeiten. Sie mußte sich entweder Joe Blacks Vertrauen erschlichen haben und Joe hatte ihn verraten – was sehr unwahrscheinlich war – oder nach Joes Tod hatten sie bei ihm etwas gefunden, was auf ihn hindeutete. Die Frau war ja nicht allein und nur ein Rädchen im Getriebe.
Wahrscheinlicher war, daß es der Konkurrenz – die zwei, drei Gegenspieler, die Joe Black noch hatte – gelungen war, außer ihr, noch einen Maulwurf in Joes Nähe zu plazieren.
Sicher hatten sie ein hohes Tier in seiner Firma einfach umgedreht. Die Bereitschaft die Seiten zu wechseln, erforderte nur eine gewisse Summe. Jeder Mensch hatte seinen Preis.
Joe Black hatte den seinen gekannt, so wie den von vielen anderen. Sei es, wie es sei.
Er mußte sich jetzt der jungen Frau widmen. Sie wollte etwas von ihm, also würde sie auf ihn zugehen. Er wußte auch, wo und wann sie geplant hatte, ihm rein zufällig über den Weg zu laufen – das lag auf der Hand – und er würde ihr den Gefallen tun und dort zu erscheinen.
Er mußte wissen, wieviel sie wußte. Von ihm, von den Dokumenten und seinem daraus resultierenden Marktwert. Sie würde mitspielen und versuchen, ihn zu kaufen.
Sie war allein hier – dessen war er sich sicher. Zu Zweit wären sie diese Nacht hier eingedrungen und hätten die Sache mit Waffengewalt geklärt, allein hätte sie kaum eine Chance gehabt, dies erfolgreich zu tun. Er selbst war immer unbewaffnet und ob die M. eine Waffe in der Wohnung verbarg, wußte er nicht. Aber er wußte, daß niemand so einen Überfall alleine wagen würde. Die, die es taten, gingen ein zu hohes Risiko ein.
In der Küche tranken sie ihren Kaffee schweigend und rauchten zu viel. Sie fühlten sich wohl. So, still, einander genügend.
Ihm fiel es schwer, jetzt zu gehen. Es war fast Mittag und die Kleine wartete auf ihn. Er hätte hier bleiben und auf seine innere Stimme hören sollen. Setz alles was du hast auf die M., schrie sie. So eine Chance bekommst du nie wieder!
Aber so schnell konnte er nicht aus seiner Haut heraus und er handelte nach seinen fest eingebrannten Verhaltensmustern. Diese ließen ihm keine Wahl.
Er verabschiedete sich mit dem Hinweis auf seinen normalen Job. Von irgendwas mußte er ja offiziell leben. Sie war sich sicher, daß er wieder kommen würde, ließ den Pernod im Kühlschrank und griff zum Telefon. Sie brauchte dringend Verbündete.
Der McDonald’s neben seinem Schnapsladen war weit unter ihrer Würde. Sie kam sich wie ein Fremdkörper darin vor. Diese Unterschicht an Schulschwänzern, Trinkern und sich langweilenden Hausfrauen war ihr zuwider.
Zu allem Überfluß mußte sie einen von diesen pappigen Hamburgern essen, die hier angeboten wurden, um nicht aufzufallen. Es war unglaublich, was sich manche Menschen antaten, nur um nicht zu Hause alleine Essen zu müssen.
Als ihr Streetworker wie vermutet eintrat, mußte sie beinahe laut lachen. Nichts von dieser mit Jeans, Kapuzenshirt und Laptop bewaffneten Person ließ einen Rückschluß auf den attraktiven, mit Schlips und Anzug gut gekleideten Mann zu, den sie Joker nannte und den sie gestern angefahren hatte. Es war frappierend, wie er die Rollen wechseln konnte.
Offiziell arbeitete er für eine Stiftung, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, kriminelle Jugendliche und solche die es werden wollten, zu betreuen. Das Gehalt war so erbärmlich, das er nebenbei freiberuflich als Lektor für einen Fachbuchverlag arbeiten mußte. Das war clever eingefädelt.
Tagsüber konnte er sich frei bewegen und Auskünfte einholen, ohne daß dies auffiel. So getarnt konnte er sich überall sehen lassen. Abends zog er in Schlips und Kragen als Verlagsmitarbeiter seine Kreise enger. Dort traf er die Leute, die ihn tagsüber übersahen.
Sie hatte Glück. Der einzige Tisch, der nicht vom Geschmeiß vollständig eingenommen war, war ihrer, so daß er sich zu ihr setzen mußte.
Nach dem zweiten Telefonat klingelte es überraschend an ihrer Tür. Sie ließ die beiden Bullen von gestern ein.
»Kennen sie diese Frau?« Die zwei Polizisten kamen ohne Umschweife zur Sache und hielten ihr ein Photo entgegen. Aufgenommen wurde es von einer Überwachungskamera in einer Tiefgarage. Die Aufnahme war gestochen scharf, wie man es kaum von einer gewöhnlichen Videokamera erwarten konnte. Aber die Tiefgarage war auch nicht gewöhnlich. Es mußte Joe Blacks Garage sein, da wurde nur die teuerste und beste Technik installiert.
»Nein, sollte ich ...?«
Der eine Beamte verstaute das Bild wieder und der andere schüttelte leicht den Kopf. »Nein, aber es hätte ja sein können.«
Sie wanden sich zum Gehen. »Danke, das war es schon.« Der Polizist mit dem Bild hielt kurz inne.
»Hatte ihr Mann Feinde?« Diese Frage erheiterte sie dermaßen, daß sie sich ein Lächeln nicht verkneifen konnte. Der andere Polizist winkte ab und beide wünschten ihr noch einen guten Tag.
Sie brannte sich eine Zigarette an und ihre Schritte führten sie in die Küche vor den Kühlschrank. Davor bremste sie sich ab, und ihr Blick suchte das einzige Schwarz/weiß Bild an ihrer Pinnwand. Sie nahm es ab und legte es hoch, auf den Küchenschrank zu Goethes Hexeneinmaleins.
Sopor Aeternus & The Ensemble Of Shadows
»A Strange Thing To Say« (»A Strange Thing To Say«, 2011)
Schönen Dank an Frau RWE für´s Einspringlektoriat. Und weiter geht´s...
Einstürzende Neubauten »Z. N. S.« (»Halber Mensch«, 1985)
Kapitel 11
Als sie aufwachte, schlief der Mann neben ihr noch. An diesen Anblick könnte sie sich wieder gewöhnen, stellte sie leicht wehmütig fest.
In der Küche kochte sie Kaffee und räumte seine noch nachträglich geleerte Flasche Wein grinsend weg. Für ihn war es sicher auch nicht einfach, einen anderen Menschen wieder an sich heran zu lassen. Immerhin schien er sich hier schon etwas heimisch zu fühlen. Den Korkenzieher hatte er wieder in das Besteckfach gelegt, das Glas in die Spüle und sogar der Aschenbecher war geleert.
Das sah gut für sie aus. Auch war er noch da und hatte sich nicht in der Nacht getrollt, wie ein räudiger Hund. Im Kühlschrank gab es nichts Neues. Das hieß nichts, außer ein paar Flaschen Pernod. Sie konnte sich nicht mehr daran erinnern, wann sie das letztemal auch etwas zum Frühstück gegessen hatte. Ihm ging es sicher ähnlich, da würde der Kaffee reichen.
Bevor sie duschen ging, nahm sie das Bild mit Goethes Hexeneinmaleins von der Wand und legte es umgedreht oben auf den Küchenschrank.
Als er aufwachte, fühlte er sich befreiter als gestern Nacht. Er hörte die Dusche rauschen und brannte sich eine Zigarette an. Kaffeeduft wehte aus der Küche zu ihm herüber. So viel Normalität fand er sonst abschreckend und er verzog sich schnell wieder.
Heute war das anders. Daran könnte er sich gewöhnen. Das erste Mal in seinem Leben. Der Gedanke beunruhigte ihn nicht. Aber das, was ihn heute erwartete.
Heute galt es einen Entschluß fassen. Morgen wollte sie in die Staaten fahren, um Joe Blacks und ihre Angelegenheiten zu klären. Ihn hatte sie gebeten mitzukommen. Spontan hatte er zugesagt, aber es sogleich wieder bereut. Das hieße für ihn, Stellung zu beziehen und aus dem Dunkel zu treten.
Er wußte noch nicht, ob er diesen harten Schnitt wollte. So wie jetzt, konnte er nicht weitermachen. Das war ihm diese Nacht in der Küche bewußt geworden. Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht. Und er war gerade dabei, dies zu tun.
Das Talent, bis ins hohe Alter seinen Job zu machen und dabei unentdeckt zu bleiben, wie es seinem Meister vergönnt war, hatte er wohl nicht. Sie hatten ihn entdeckt und sie hatte ihn gefunden.
Eine Frau, um die dreißig, also noch ein Frischling im Gewerbe.
Wie ihr das gelungen war, konnte er sich nicht erklären. Aber es gab nur zwei Möglichkeiten. Sie mußte sich entweder Joe Blacks Vertrauen erschlichen haben und Joe hatte ihn verraten – was sehr unwahrscheinlich war – oder nach Joes Tod hatten sie bei ihm etwas gefunden, was auf ihn hindeutete. Die Frau war ja nicht allein und nur ein Rädchen im Getriebe.
Wahrscheinlicher war, daß es der Konkurrenz – die zwei, drei Gegenspieler, die Joe Black noch hatte – gelungen war, außer ihr, noch einen Maulwurf in Joes Nähe zu plazieren.
Sicher hatten sie ein hohes Tier in seiner Firma einfach umgedreht. Die Bereitschaft die Seiten zu wechseln, erforderte nur eine gewisse Summe. Jeder Mensch hatte seinen Preis.
Joe Black hatte den seinen gekannt, so wie den von vielen anderen. Sei es, wie es sei.
Er mußte sich jetzt der jungen Frau widmen. Sie wollte etwas von ihm, also würde sie auf ihn zugehen. Er wußte auch, wo und wann sie geplant hatte, ihm rein zufällig über den Weg zu laufen – das lag auf der Hand – und er würde ihr den Gefallen tun und dort zu erscheinen.
Er mußte wissen, wieviel sie wußte. Von ihm, von den Dokumenten und seinem daraus resultierenden Marktwert. Sie würde mitspielen und versuchen, ihn zu kaufen.
Sie war allein hier – dessen war er sich sicher. Zu Zweit wären sie diese Nacht hier eingedrungen und hätten die Sache mit Waffengewalt geklärt, allein hätte sie kaum eine Chance gehabt, dies erfolgreich zu tun. Er selbst war immer unbewaffnet und ob die M. eine Waffe in der Wohnung verbarg, wußte er nicht. Aber er wußte, daß niemand so einen Überfall alleine wagen würde. Die, die es taten, gingen ein zu hohes Risiko ein.
In der Küche tranken sie ihren Kaffee schweigend und rauchten zu viel. Sie fühlten sich wohl. So, still, einander genügend.
Ihm fiel es schwer, jetzt zu gehen. Es war fast Mittag und die Kleine wartete auf ihn. Er hätte hier bleiben und auf seine innere Stimme hören sollen. Setz alles was du hast auf die M., schrie sie. So eine Chance bekommst du nie wieder!
Aber so schnell konnte er nicht aus seiner Haut heraus und er handelte nach seinen fest eingebrannten Verhaltensmustern. Diese ließen ihm keine Wahl.
Er verabschiedete sich mit dem Hinweis auf seinen normalen Job. Von irgendwas mußte er ja offiziell leben. Sie war sich sicher, daß er wieder kommen würde, ließ den Pernod im Kühlschrank und griff zum Telefon. Sie brauchte dringend Verbündete.
Der McDonald’s neben seinem Schnapsladen war weit unter ihrer Würde. Sie kam sich wie ein Fremdkörper darin vor. Diese Unterschicht an Schulschwänzern, Trinkern und sich langweilenden Hausfrauen war ihr zuwider.
Zu allem Überfluß mußte sie einen von diesen pappigen Hamburgern essen, die hier angeboten wurden, um nicht aufzufallen. Es war unglaublich, was sich manche Menschen antaten, nur um nicht zu Hause alleine Essen zu müssen.
Als ihr Streetworker wie vermutet eintrat, mußte sie beinahe laut lachen. Nichts von dieser mit Jeans, Kapuzenshirt und Laptop bewaffneten Person ließ einen Rückschluß auf den attraktiven, mit Schlips und Anzug gut gekleideten Mann zu, den sie Joker nannte und den sie gestern angefahren hatte. Es war frappierend, wie er die Rollen wechseln konnte.
Offiziell arbeitete er für eine Stiftung, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, kriminelle Jugendliche und solche die es werden wollten, zu betreuen. Das Gehalt war so erbärmlich, das er nebenbei freiberuflich als Lektor für einen Fachbuchverlag arbeiten mußte. Das war clever eingefädelt.
Tagsüber konnte er sich frei bewegen und Auskünfte einholen, ohne daß dies auffiel. So getarnt konnte er sich überall sehen lassen. Abends zog er in Schlips und Kragen als Verlagsmitarbeiter seine Kreise enger. Dort traf er die Leute, die ihn tagsüber übersahen.
Sie hatte Glück. Der einzige Tisch, der nicht vom Geschmeiß vollständig eingenommen war, war ihrer, so daß er sich zu ihr setzen mußte.
Nach dem zweiten Telefonat klingelte es überraschend an ihrer Tür. Sie ließ die beiden Bullen von gestern ein.
»Kennen sie diese Frau?« Die zwei Polizisten kamen ohne Umschweife zur Sache und hielten ihr ein Photo entgegen. Aufgenommen wurde es von einer Überwachungskamera in einer Tiefgarage. Die Aufnahme war gestochen scharf, wie man es kaum von einer gewöhnlichen Videokamera erwarten konnte. Aber die Tiefgarage war auch nicht gewöhnlich. Es mußte Joe Blacks Garage sein, da wurde nur die teuerste und beste Technik installiert.
»Nein, sollte ich ...?«
Der eine Beamte verstaute das Bild wieder und der andere schüttelte leicht den Kopf. »Nein, aber es hätte ja sein können.«
Sie wanden sich zum Gehen. »Danke, das war es schon.« Der Polizist mit dem Bild hielt kurz inne.
»Hatte ihr Mann Feinde?« Diese Frage erheiterte sie dermaßen, daß sie sich ein Lächeln nicht verkneifen konnte. Der andere Polizist winkte ab und beide wünschten ihr noch einen guten Tag.
Sie brannte sich eine Zigarette an und ihre Schritte führten sie in die Küche vor den Kühlschrank. Davor bremste sie sich ab, und ihr Blick suchte das einzige Schwarz/weiß Bild an ihrer Pinnwand. Sie nahm es ab und legte es hoch, auf den Küchenschrank zu Goethes Hexeneinmaleins.
Sopor Aeternus & The Ensemble Of Shadows
»A Strange Thing To Say« (»A Strange Thing To Say«, 2011)
reingefruttelt von
Octapolis
18.11.2011
Rattenkampf, Kapitel 10
Kommen wir heute also zum, hüstel, erotischsten Teil der Geschichte. Der Teil, welcher den digitalen ausklappbaren Hosentaschenkrimi eindeutig zum Schundroman macht. Aber, keine Frage, so ist das Leben, zwischen Wein, Gesang und Likör platzt die Zwischenmenschlichkeit schon mal ungefragt herein.
Außerdem sollte noch mal erwähnt werden, dass dieser Blog keine dunkelrosa Schrift auf hellrosa Untergrund verpasst kommt, auch wenn eine einzelne Lady feststellte, wie, ich zitiere, augenkrebserzeugend doch dieser grünweiße Text vor schwarzem Grund ist. Niemals niiie!!! Das hat was damit zu tun, dass wir so unheimlich dark sind und deshalb muss es auch so bleiben! ;o)
Nun aber...
Kapitel 10
Plastic Bertrand »Tout petit la planète (Version longue)« (»Tout petit la planète« 12'', 1978)
Die Tür fiel hinter ihnen ins Schloß und sie übereinander her.
Sie waren sich einig. Zumindest über das, was beide jetzt fest eingeplant hatten.
Sie waren ausgehungert. Ausgehungert nach Sex, Sex, Sex, und noch mal Sex. Ausgehungert nach Nähe, Zärtlichkeit und Liebe.
Sie waren gierig auf die Nähe eines Menschen, bei dem sie sich zu Hause fühlen konnten. Ihr Entzug davon währte schon viel zu lange. Viel zu lange, um alles sofort und auf einmal zulassen zu können.
Sie waren erst am Anfang eines langen Weges, an den beide nicht denken wollten.
Sie rieben sich aneinander, darauf bedacht, möglichst viel von dem anderen auf der eigenen Haut zu spüren.
Sie atmeten sich ein, hörten den anderen und ihre eigene Stimme, die zur Vorsicht mahnte, hörten weg oder doch zu und schafften es dabei nicht mal bis auf ihr Bett, wie es die Konvention forderte.
Sie implodierten noch halb angezogen auf dem roten Teppich im Flur.
Sie schleiften sich über Sessel, Tische und zerstörten die Blumenbank am Fenster, bis eine Flasche Rotwein zur Pause rief. Die Zigarette danach war die Zigarette davor und sie brachen nach drei weiteren Flaschen Wein über dem endlich erreichten Bett völlig ausgelaugt und ausgepumpt zusammen.
Sie sprachen kein Wort miteinander, aber sie erzählten sich viel und spürten ein kleines Fünkchen Glück im Zimmer. Hoch oben und für beide unerreichbar.
Als sie schlief, sah er, daß die Scheiben im Fenster von ihrer Hitze beschlagen waren und der Mond verschwommen auf sie schien, als hätte er sie zugedeckt.
Er beschloß, heute den Tresor in Ruhe zu lassen. Ihr Mann war tatsächlich tot. Er würde trotzdem noch ein paar Tage Zeit haben, ehe seine Mörder hier waren. Im Moment wußte er sowieso nicht, was er machen sollte. Zu Frau M. überlaufen und ihr alles gestehen? Er war versucht, dies zu tun, aber das Risiko, daß sie ihn aus dem Rennen werfen würde, war zu groß. Nein, es mußte eine andere Lösung geben.
Die Flasche Wein neben dem Bett war leer und sein Schlafpegel noch nicht erreicht. In ihrer Küche entkorkte er sich einen neuen Beaujolais und musterte gedankenverloren deren Einrichtung. Gemütlich war sie. Nicht zu groß, aber groß genug für eine Sitzecke und einem Tisch, an welchem man zwanglos essen, reden und trinken konnte. Überall auf den Schränken standen Blumen und auf dem Herd ein paar Töpfe. Die Wände waren mit kleinen Bildern geschmückt. Darauf waren kitschige Blumen und kalligrafierte Sprüche.
Eines davon kannte er. Goethes Hexeneinmaleins. Ein Vers aus Faust mit dessen Hilfe das Hexlein einen Verjüngungstrunk braut. So gerechnet hatte womöglich der verstorbene Mann des Hauses seine Rechnungen geschrieben. Die Summe war immer gleich. Er mußte grinsen.
Die Flasche würde er noch austrinken, ein paar Zigaretten rauchen und dann an ihrer Seite wie ein Murmeltier schlafen, so tief und fest, wie schon lange nicht mehr. Morgen war ein neuer Tag und an dem sah die Welt vielleicht ganz anders aus. Er setzte sich an den Tisch, lehnte sich zurück und pustete den Rauch in kleinen Ringen durch die Luft.
An der Stirnseite des Tisches hing an der Wand eine große Pinnwand voll mit Ansichtskarten von jedem Ort der Welt, in denen schwerreiche Arschlöcher sich die Langeweile vertrieben. New York, St. Moritz, Dubai, St. Tropez und wie die Stätten des bunten Glitzers hießen.
Eine Karte errang seine Aufmerksamkeit. Sie war schwarz/weiß, auf alt gemacht und eigentlich eine Photographie. Sie zeigte eine lange Tafel und einem Mann, der gerade eine Rede zu halten schien. Am Tisch saßen dunkelgekleidete Männer und eine Frau. Den Mann kannte er gut und die Frau erkannte er wieder. Datiert wurde das Bild vor zwei Monaten und auf der Rückseite stand ein kurzer belangloser Text der mit den Worten endete: »Paß gut auf dich auf, mein Liebling.«
Er mußte sich wieder setzen. Sie waren schon hier. Hier in der Stadt. Die Killer, vor denen er die Dokumente schützen sollte.
Der Tresor war noch ungeöffnet. Die unberührte Staubschicht schimmerte matt im Licht seines Feuerzeugs und das Haar klemmte noch fest und an derselben Stelle.
Das hieß, daß sie den Tresor nicht öffnen konnten. Sie hatten die Zahlenkombination nicht, sonst wäre der Tresor jetzt leer. Ihren Ausflug heute Abend hätten sie genutzt, um ihn auszuräumen.
Das hieß aber auch, daß sein Kopf jetzt in der Schlinge hing. Der redehaltende Mann auf dem Photo war sein Klient, M.’s Mann. Die Frau neben ihm hatte ihn heute Mittag angefahren. Das war mit Sicherheit kein Zufall.
Sie war diejenige, die an die Dokumente wollte. Sie hatte man auf ihn angesetzt und sie wußte, wer er war und was er für eine Aufgabe hatte. Das hieß auch, daß sie wußte, daß nur noch er den Tresor öffnen konnte.
Beruhigend war diese Feststellung nicht gerade. Im Cafe nach dem Unfall kam sie ihm merkwürdig vertraut vor. Jetzt wußte er warum. Sie waren Kollegen. Er knipste das Licht aus und legte sich zu der M. Sie rückte dicht an ihn heran und begann wieder gleichmäßiger zu atmen.
Ihre Waffe war ein kurzläufiger, großkalibriger Revolver des Typs Nagant. Seine Konstruktion unterschied sich wesentlich von dem anderer Revolver. Er wurde gasdicht gebaut und konnte so wirksam mit einem Schalldämpfer ausgerüstet werden. Das Korn war abgefeilt, es störte nur und verfing sich im Stoff, wenn man die Pistole schnell aus einer Jacken- oder Manteltasche ziehen mußte und den Schalldämpfer konnte man einfach aufstecken und wieder abziehen.
Den Revolver ziehen, Schalldämpfer aufstecken, schießen, Schalldämpfer abziehen und beides wieder verschwinden lassen dauerte nur Sekunden. Sie war geübt und schnell darin.
Der Revolver war bei Killern die erste Wahl, weil er einfacher gebaut und damit zuverlässiger war als jede Pistole. Die leeren Patronenhülsen werden nicht ausgeworfen, wie bei einer Pistole und verbleiben somit nicht am Tatort. Der kurze Lauf und das fehlende Visier machten zwar einen gezielten Schuß über größere Distanzen unmöglich, aber dieser war gar nicht notwendig. Geschossen wurde nur aus unmittelbarer Nähe oder die Waffe entlud sich durch einen aufgesetzten Schuß direkt in den Körper des Opfers.
Die sieben Schuß, die ihre Patronenkammer faßte, waren dafür mehr als ausreichend. Geladen war die Waffe mit 7,62 x 38 mm Nagant Patronen. Diese beschleunigten die Kugel nicht auf Überschallgeschwindigkeit, wie sonst üblich, sondern sie beließen es bei 270 bis 290 m/s. Das hatte den Vorteil, daß der Schuß sich besonders leise aus der Waffe lösen konnte.
Der Schalldämpfer kann nur den Knall eindämmen, den die Treibladung bei ihrer Explosion verursacht. Aber nicht den, den die Kugel hervorruft, wenn sie durch die Schallmauer rauscht, da das erst passiert, wenn sie die Waffe verläßt. Ist sie langsamer als der Schall, unterbleibt der Knall.
Die fehlende kinetische Energie, die sich durch diese langsame Geschwindigkeit ergibt, gleicht die Kugel durch das große Kaliber aus. Ein aufgesetzter Schuß durch diese Waffe war nicht nur kaum hörbar, sondern er hinterließ auch viel Blut an der Wand hinter dem Opfer.
Sie steckte ihren Revolver wieder weg. Hier im Park wurde er nur naß und die sorgsam mit Öl gepflegte Brünierung würde braune Flecken bekommen.
Nur mühsam konnte sie ihre Ungeduld unterdrücken. Am liebsten wäre sie jetzt wieder in die Wohnung der M. eingedrungen und hätte die beiden im Schlaf überrascht. Unter vorgezogener Waffe wäre es vielleicht möglich, den Joker zu überreden, für sie den Tresor zu öffnen. Zwei gegen Einen und sie gegen den Joker. Nein, das Risiko zu unterliegen mußte sie jetzt noch nicht eingehen. Little Big Joe Black hatte ihn nicht umsonst ausgewählt, um seine Unterlagen zu schützen.
Der Mann war ihr sowieso unheimlich. Sie hatte den Nachmittag genutzt, um etwas mehr über ihn zu erfahren. Das was sie ermitteln konnte, paßte überhaupt nicht auf den Kerl da oben. Dr. Jekyll und Mr. Hyde oder Mr. Joker. Im Moment war er wohl Mr. Hyde. Ihre Nase lief und die Nässe und Kälte konnte sie nicht länger ignorieren. Sie mußte sich jetzt zurückziehen und wählte dabei den Weg durch den Park, auf dem die Bäume durch das helle Mondlicht einen Schatten warfen. So war sie durch zufällige Beobachter unsichtbar.
Morgen würde sie dem Joker über dem Weg laufen. Ganz wohl war ihr nicht bei dem Gedanken. Aber sie hatte keine Wahl. Den Schlüssel zu einer besseren Welt hatte er. Daß er von ihr nichts wußte, beruhigte sie etwas. So konnte sie sich unentdeckt zurückziehen, wenn sie annehmen mußte, daß dieser Weg zu nichts führte und sie es später, auf die harte Tour, durchziehen mußte.
Der Mensch war ein Gewohnheitstier und er war da sicher keine Ausnahme. Wo und wann sie ihn sehen würde, lag auf der Hand.
Iron Maiden »Be Quick Or Be Dead« (»Fear Of The Dark«, 1992)
Außerdem sollte noch mal erwähnt werden, dass dieser Blog keine dunkelrosa Schrift auf hellrosa Untergrund verpasst kommt, auch wenn eine einzelne Lady feststellte, wie, ich zitiere, augenkrebserzeugend doch dieser grünweiße Text vor schwarzem Grund ist. Niemals niiie!!! Das hat was damit zu tun, dass wir so unheimlich dark sind und deshalb muss es auch so bleiben! ;o)
Nun aber...
Kapitel 10
Plastic Bertrand »Tout petit la planète (Version longue)« (»Tout petit la planète« 12'', 1978)
Die Tür fiel hinter ihnen ins Schloß und sie übereinander her.
Sie waren sich einig. Zumindest über das, was beide jetzt fest eingeplant hatten.
Sie waren ausgehungert. Ausgehungert nach Sex, Sex, Sex, und noch mal Sex. Ausgehungert nach Nähe, Zärtlichkeit und Liebe.
Sie waren gierig auf die Nähe eines Menschen, bei dem sie sich zu Hause fühlen konnten. Ihr Entzug davon währte schon viel zu lange. Viel zu lange, um alles sofort und auf einmal zulassen zu können.
Sie waren erst am Anfang eines langen Weges, an den beide nicht denken wollten.
Sie rieben sich aneinander, darauf bedacht, möglichst viel von dem anderen auf der eigenen Haut zu spüren.
Sie atmeten sich ein, hörten den anderen und ihre eigene Stimme, die zur Vorsicht mahnte, hörten weg oder doch zu und schafften es dabei nicht mal bis auf ihr Bett, wie es die Konvention forderte.
Sie implodierten noch halb angezogen auf dem roten Teppich im Flur.
Sie schleiften sich über Sessel, Tische und zerstörten die Blumenbank am Fenster, bis eine Flasche Rotwein zur Pause rief. Die Zigarette danach war die Zigarette davor und sie brachen nach drei weiteren Flaschen Wein über dem endlich erreichten Bett völlig ausgelaugt und ausgepumpt zusammen.
Sie sprachen kein Wort miteinander, aber sie erzählten sich viel und spürten ein kleines Fünkchen Glück im Zimmer. Hoch oben und für beide unerreichbar.
Als sie schlief, sah er, daß die Scheiben im Fenster von ihrer Hitze beschlagen waren und der Mond verschwommen auf sie schien, als hätte er sie zugedeckt.
Er beschloß, heute den Tresor in Ruhe zu lassen. Ihr Mann war tatsächlich tot. Er würde trotzdem noch ein paar Tage Zeit haben, ehe seine Mörder hier waren. Im Moment wußte er sowieso nicht, was er machen sollte. Zu Frau M. überlaufen und ihr alles gestehen? Er war versucht, dies zu tun, aber das Risiko, daß sie ihn aus dem Rennen werfen würde, war zu groß. Nein, es mußte eine andere Lösung geben.
Die Flasche Wein neben dem Bett war leer und sein Schlafpegel noch nicht erreicht. In ihrer Küche entkorkte er sich einen neuen Beaujolais und musterte gedankenverloren deren Einrichtung. Gemütlich war sie. Nicht zu groß, aber groß genug für eine Sitzecke und einem Tisch, an welchem man zwanglos essen, reden und trinken konnte. Überall auf den Schränken standen Blumen und auf dem Herd ein paar Töpfe. Die Wände waren mit kleinen Bildern geschmückt. Darauf waren kitschige Blumen und kalligrafierte Sprüche.
Eines davon kannte er. Goethes Hexeneinmaleins. Ein Vers aus Faust mit dessen Hilfe das Hexlein einen Verjüngungstrunk braut. So gerechnet hatte womöglich der verstorbene Mann des Hauses seine Rechnungen geschrieben. Die Summe war immer gleich. Er mußte grinsen.
Die Flasche würde er noch austrinken, ein paar Zigaretten rauchen und dann an ihrer Seite wie ein Murmeltier schlafen, so tief und fest, wie schon lange nicht mehr. Morgen war ein neuer Tag und an dem sah die Welt vielleicht ganz anders aus. Er setzte sich an den Tisch, lehnte sich zurück und pustete den Rauch in kleinen Ringen durch die Luft.An der Stirnseite des Tisches hing an der Wand eine große Pinnwand voll mit Ansichtskarten von jedem Ort der Welt, in denen schwerreiche Arschlöcher sich die Langeweile vertrieben. New York, St. Moritz, Dubai, St. Tropez und wie die Stätten des bunten Glitzers hießen.
Eine Karte errang seine Aufmerksamkeit. Sie war schwarz/weiß, auf alt gemacht und eigentlich eine Photographie. Sie zeigte eine lange Tafel und einem Mann, der gerade eine Rede zu halten schien. Am Tisch saßen dunkelgekleidete Männer und eine Frau. Den Mann kannte er gut und die Frau erkannte er wieder. Datiert wurde das Bild vor zwei Monaten und auf der Rückseite stand ein kurzer belangloser Text der mit den Worten endete: »Paß gut auf dich auf, mein Liebling.«
Er mußte sich wieder setzen. Sie waren schon hier. Hier in der Stadt. Die Killer, vor denen er die Dokumente schützen sollte.
Der Tresor war noch ungeöffnet. Die unberührte Staubschicht schimmerte matt im Licht seines Feuerzeugs und das Haar klemmte noch fest und an derselben Stelle.
Das hieß, daß sie den Tresor nicht öffnen konnten. Sie hatten die Zahlenkombination nicht, sonst wäre der Tresor jetzt leer. Ihren Ausflug heute Abend hätten sie genutzt, um ihn auszuräumen.
Das hieß aber auch, daß sein Kopf jetzt in der Schlinge hing. Der redehaltende Mann auf dem Photo war sein Klient, M.’s Mann. Die Frau neben ihm hatte ihn heute Mittag angefahren. Das war mit Sicherheit kein Zufall.
Sie war diejenige, die an die Dokumente wollte. Sie hatte man auf ihn angesetzt und sie wußte, wer er war und was er für eine Aufgabe hatte. Das hieß auch, daß sie wußte, daß nur noch er den Tresor öffnen konnte.
Beruhigend war diese Feststellung nicht gerade. Im Cafe nach dem Unfall kam sie ihm merkwürdig vertraut vor. Jetzt wußte er warum. Sie waren Kollegen. Er knipste das Licht aus und legte sich zu der M. Sie rückte dicht an ihn heran und begann wieder gleichmäßiger zu atmen.
Ihre Waffe war ein kurzläufiger, großkalibriger Revolver des Typs Nagant. Seine Konstruktion unterschied sich wesentlich von dem anderer Revolver. Er wurde gasdicht gebaut und konnte so wirksam mit einem Schalldämpfer ausgerüstet werden. Das Korn war abgefeilt, es störte nur und verfing sich im Stoff, wenn man die Pistole schnell aus einer Jacken- oder Manteltasche ziehen mußte und den Schalldämpfer konnte man einfach aufstecken und wieder abziehen.
Den Revolver ziehen, Schalldämpfer aufstecken, schießen, Schalldämpfer abziehen und beides wieder verschwinden lassen dauerte nur Sekunden. Sie war geübt und schnell darin.
Der Revolver war bei Killern die erste Wahl, weil er einfacher gebaut und damit zuverlässiger war als jede Pistole. Die leeren Patronenhülsen werden nicht ausgeworfen, wie bei einer Pistole und verbleiben somit nicht am Tatort. Der kurze Lauf und das fehlende Visier machten zwar einen gezielten Schuß über größere Distanzen unmöglich, aber dieser war gar nicht notwendig. Geschossen wurde nur aus unmittelbarer Nähe oder die Waffe entlud sich durch einen aufgesetzten Schuß direkt in den Körper des Opfers.
Die sieben Schuß, die ihre Patronenkammer faßte, waren dafür mehr als ausreichend. Geladen war die Waffe mit 7,62 x 38 mm Nagant Patronen. Diese beschleunigten die Kugel nicht auf Überschallgeschwindigkeit, wie sonst üblich, sondern sie beließen es bei 270 bis 290 m/s. Das hatte den Vorteil, daß der Schuß sich besonders leise aus der Waffe lösen konnte.
Der Schalldämpfer kann nur den Knall eindämmen, den die Treibladung bei ihrer Explosion verursacht. Aber nicht den, den die Kugel hervorruft, wenn sie durch die Schallmauer rauscht, da das erst passiert, wenn sie die Waffe verläßt. Ist sie langsamer als der Schall, unterbleibt der Knall.
Die fehlende kinetische Energie, die sich durch diese langsame Geschwindigkeit ergibt, gleicht die Kugel durch das große Kaliber aus. Ein aufgesetzter Schuß durch diese Waffe war nicht nur kaum hörbar, sondern er hinterließ auch viel Blut an der Wand hinter dem Opfer.
Sie steckte ihren Revolver wieder weg. Hier im Park wurde er nur naß und die sorgsam mit Öl gepflegte Brünierung würde braune Flecken bekommen.
Nur mühsam konnte sie ihre Ungeduld unterdrücken. Am liebsten wäre sie jetzt wieder in die Wohnung der M. eingedrungen und hätte die beiden im Schlaf überrascht. Unter vorgezogener Waffe wäre es vielleicht möglich, den Joker zu überreden, für sie den Tresor zu öffnen. Zwei gegen Einen und sie gegen den Joker. Nein, das Risiko zu unterliegen mußte sie jetzt noch nicht eingehen. Little Big Joe Black hatte ihn nicht umsonst ausgewählt, um seine Unterlagen zu schützen.
Der Mann war ihr sowieso unheimlich. Sie hatte den Nachmittag genutzt, um etwas mehr über ihn zu erfahren. Das was sie ermitteln konnte, paßte überhaupt nicht auf den Kerl da oben. Dr. Jekyll und Mr. Hyde oder Mr. Joker. Im Moment war er wohl Mr. Hyde. Ihre Nase lief und die Nässe und Kälte konnte sie nicht länger ignorieren. Sie mußte sich jetzt zurückziehen und wählte dabei den Weg durch den Park, auf dem die Bäume durch das helle Mondlicht einen Schatten warfen. So war sie durch zufällige Beobachter unsichtbar.
Morgen würde sie dem Joker über dem Weg laufen. Ganz wohl war ihr nicht bei dem Gedanken. Aber sie hatte keine Wahl. Den Schlüssel zu einer besseren Welt hatte er. Daß er von ihr nichts wußte, beruhigte sie etwas. So konnte sie sich unentdeckt zurückziehen, wenn sie annehmen mußte, daß dieser Weg zu nichts führte und sie es später, auf die harte Tour, durchziehen mußte.
Der Mensch war ein Gewohnheitstier und er war da sicher keine Ausnahme. Wo und wann sie ihn sehen würde, lag auf der Hand.
Iron Maiden »Be Quick Or Be Dead« (»Fear Of The Dark«, 1992)
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