01.09.2011

Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund!

Momentan geistert der Wiesenhof-Skandal durch die Medien. Sogar die olle ARD fühlte sich dieser Tage berufen eine Reportage dazu in die deutschen Wohnzimmer zu beamen. Den Anfang nahm die Sache bei der PETA (Link zum Thema: klickklack!), die erneut Strafanzeige gegen den Geflügelkonzern stellte und brisante Videobeweise vorlegen konnte.



Nun mag das manchen in der abendlichen Gemütlichkeit schwer an die Nieren gegangen sein (Elsbeth, mach morgen lieber wieder Hackepeterschnittchen, die Puten sind vergiftet...), allerdings ist der Bürger aber auch vergesslich und obendrein gern unvernünftig, daran ändert der, sicher gut gemeinte und wahrscheinlich auch notwendige Tritt in die fauligen Eier der Lebensmittelindustrie nichts. Wird ja keiner über Nacht zum Vegetarier oder zum bessere-Welt-Warrior.

Verstehnse mich nicht falsch (passiert manchmal), ich möchte dieses Thema keineswegs herabstufen oder ins lächerliche ziehen, jedoch erscheint mir diese wellenförmig auftretende Empörung über solche Zustände eher als seltsamer Indikator einer medial halbverblödeten Gesellschaft. Wenn man einen tiefgefrorenen Vogel (der hat gelebt, gefressen, Medikamente schlucken müssen [die auch Geld kosten], wurde geschlachtet, ausgeweidet, gerupft, in Folie eingepackt, mit dem LKW von a nach b gefahren und beim Discounter weiter gepermafrostet für nicht ganz drei Euro bekomme, oder wahlweise einen halben vorm Discounter des Vertrauens, schon gegart mit knuspriger Haut, zum selben Preis, dann muss der gesunde Menschenverstand doch ausspucken, dass so was nur bei Massentierhaltung mit großindustrieller und kapitalistischer Struktur funktionieren kann.

Es wäre doch ein leichtes oder zumindest nur mittelschweres Unterfangen, seitens unserer politischen Führung Regelungen auf den Weg zu bringen, die von Anfang an sicherstellen, dass zur Nahrung des Menschen verwendete Tiere ein, ähem, menschenwürdiges Leben (und auch ordentlichen Tod) erfahren. Macht natürlich keiner, denn der Verbraucher, der ja auch irgendwo Wähler ist, könnte übellaunig reagieren (Nee, Günni, seitdem die Merkel Kanzlerin ist, ham die die leckere Putenarschpastete schon wieder um nen Euro angehoben, dat nächste mal wähln wir SPD!). Also bleibt es bei einem von den Medien getragenen Skandal und der Hoffnung auf die Mündigkeit und Schläue des einfachen Volkes. Da haben schon ganz andere drauf gehofft...

Deswegen zieht sich der eine oder andere trotzdem in Abständen nen Broiler rein und wenn man hier in der Stadt nicht gerade die Weide oder Geflügelfarm des Vertrauens vor der Türe hat, greift man dieser Form der Tierhaltung indirekt öfter unter die schmierigen Arme, als man selbst wahrhaben will.

Das ist ja das tolle heutzutage: Der Großteil macht irgendwas mit, was er gemeinhin als völlig empörend empfindet. Da beißt sich gedopte Katze in den eigenen Schwanz, den ohne Empörung kein Skandal... Aber das Volk hat eben hin und wieder Hunger auf Skandale, will nicht immer nur Putenfilet lutschen.

So haben alle was davon, nur die Tiere nicht.


The Skatoons »Kotzen« (»Einmal Ska und zurück«, 2003)

Kommentare:

  1. Macheath:

    1
    Ihr Herrn, die ihr uns lehrt, wie man brav leben
    Und Sünd und Missetat vermeiden kann
    Zuerst müßt ihr uns was zu fressen geben
    Dann könnt ihr reden: damit fängt es an.

    Ihr, die euren Wanst und unsre Bravheit liebt
    Das eine wisset ein für allemal:
    Wie ihr es immer dreht und wie ihr's immer schiebt
    Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.
    Erst muß es möglich sein auch armen Leuten
    Vom großen Brotlaib sich ihr Teil zu schneiden.

    Jenny:
    Denn wovon lebt der Mensch?

    Macheath:
    Denn wovon lebt der Mensch? Indem er stündlich
    Den Menschen peinigt, auszieht, anfällt, abwürgt und frißt.
    Nur dadurch lebt der Mensch, daß er so gründlich
    Vergessen kann, daß er ein Mensch doch ist.

    Chor:
    Ihr Herren, bildet euch nur da nichts ein:
    Der Mensch lebt nur von Missetat allein!

    2
    Jenny:
    Ihr lehrt uns, wann ein Weib die Röcke heben
    Und ihre Augen einwärts drehen kann
    Zuerst müßt ihr uns was zu fressen geben
    Dann könnt ihr reden: damit fängt es an.

    Ihr, die auf unsrer Scham und eurer Lust besteht
    Das eine wisset ein für allemal:
    Wie ihr es immer dreht und wie ihr's immer schiebt
    Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.
    Erst muß es möglich sein auch armen Leuten
    Vom großen Brotlaib sich ihr Teil zu schneiden.

    Macheath:
    Denn wovon lebt der Mensch?

    Jenny:
    Denn wovon lebt der Mensch? Indem er stündlich
    Den Menschen peinigt, auszieht, anfällt, abwürgt und frißt.
    Nur dadurch lebt der Mensch, daß er so gründlich
    Vergessen kann, daß er ein Mensch doch ist.

    Chor:
    Ihr Herren, bildet euch nur da nichts ein:
    Der Mensch lebt nur von Missetat allein!

    AntwortenLöschen
  2. Wer auch immer Macheath und Jenny sind (ich weiß, jetzt gebe ich mir wahrscheinlich eine unbelesene Blöße), der Text beschreibt die Wahrheit. Außerdem wertet er den eigentlichen Post unheimlich kulturell auf! ;o)

    AntwortenLöschen
  3. Oh, na gut, von dem kenne ich noch nicht mal nen Trinkspruch. Dafür kann ich schon ein paar Ulkbrärenwitze auswendig... ;o)

    Aus welchem Heldenepos ist das?
    -octa

    AntwortenLöschen
  4. Und der Haifisch, der hat Zähne
    Und die trägt er im Gesicht
    Und Macheath, der hat ein Messer
    Doch das Messer sieht man nicht.

    Klingelts? Dreigroschenoper.

    AntwortenLöschen
  5. Bildungslücke geschlossen. ;o)
    -o.

    AntwortenLöschen

Vielen Dank für´s Gespräch! ;o)