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25.09.2011

Rhapsody in pink (oder neongrün)

Da gibt es Statistiken, von gescheiten Leuten erstellt, die besagen, dass Deutschland beziehungsweise dessen Bürger(innen) zunehmend dicker werden.

Nun weiß man auch, dass man keiner Statistik trauen soll, die man nicht selbst gefälscht hat, doch ein kurzer Blick durch die Seitenscheibe verrät: diesmal hamse recht! Übergewicht, soweit das ohnehin schon geschundenene Auge blickt. Damit nicht genug. Seitdem die Achtziger wieder en vogue sind, halten längst vergraben gehoffte Reliquien wie Radlerhose und Leggins wieder Einzug.

Gerade jetzt, die wahrscheinlich letzten schönen, wenngleich schön in diesem Zusammenhang als relativ zu betrachten gilt, Tage des Jahres glänzen im wärmenden Sonnenschein, hat man den Eindruck, das manche(r) noch mal alles gibt, um das eigene Ego zu liebkosen oder die Umwelt zu erschrecken. Es paaren sich die giftigesten Farben vergangener Modeepochen mit teilweise tätowierten oder gepiercten Weißwürsten über dem Hüfthosensaum oder aus dem ärmellosen Shirt quellend. Wo ist eigentlich die Fashionpolzei, wenn man sie mal braucht?

Nicht nur bei der (statistisch erwiesen) immer weiter in die unförmige Breite gehenden jungen Bevölkerung, nein auch, bei denen, wo man schon aufgrund der jahrzehntelangen Lebenserfahrungen etwas mehr Sinn für Allgemeinästhetik erwarten möchte, sieht man da so allerhand Sollverbotenes. Ob nun der obercoole Macker mit Bierwampe und Fell unterm Goldkettchen oder der dreifachen Mutter in pinkfarbener Radlerhose - manches will man einfach nicht sehen. Tut weh im Gemüt oder flackert im Auge. Im schlechtesten Falle beides. Worst case scenario ist das Stichwort.

Beliebte Accesoires, neben den bereits aufgezählten, sind außerdem der am blassen Rücken hochgezerrte Stringtanga, das Zurschaustellen des verlängerten Gesäßes, vor allem bei den Herren (Maurerdekoltee nennt man das in Fachkreisen) und vor allem das Tragen von Textilien die einfach zwei Nummern für die eigentlich aktuelle Konfektionsgröße sind. Ist ja nicht so, dass es keine Klamotten gäbe; man muß den Konfirmationsfummel nicht noch zwanzig Jahre später um den Rumpf zwingen. Weniger mit Figur an sich, jedoch nicht weniger panne sind diese übergroßen Sonnenbrillen, mit denen man (oder Frau) aussieht, wie eine angriffslustige Hornisse.

Johnny Cash hatte schon Gründe für seine schlichte, schwarze Kleidung. Und der muß es wissen, der ist so lebenserfahren, dass er schon ne Weile tot ist.

Also hofft man auf einen fürhen Herbst, am besten auf einen strengen, lang anhaltenden Winter. Etwas mehr Respekt vorm Augenlicht der Mitmenschen bitte!

So, ich dreh jetzt noch ne Runde um den Block (nicht Blog, sondern so was wie New Kids On The oder Jenny From The), zur Sicherheit des eigenen, ohnehin schon getrübten, Auges mit einem nach innen verspiegelten Integralhelm. Man sieht sich... wahrscheinlich nicht. ;o)


Silicon Dream »Wunderbar« (gleichnamige Single, 1989)

04.08.2011

Hit the road, Jack!

Auf etlichen Exkursionen durch die Natur- und Kulturgüter der näheren und weiteren Umgebung stellten der Kollege, militanter Meteorologe, Weinkenner, Kultur-, Sports- und Naturfreund (um nur ausgewählte seiner zahlreichen Studienfelder und Spezialstrecken zu nennen) Minimi und meine Wenigkeit Studien zu dem an, was der Versandhäusler und Marketingfuchs gern als Outdooroutfits (potzblitz: klingt wie ein Dorf in den Niederlanden!) bezeichnet, also atmungsaktive Jacken, reißfeste Rucksäcke, rutschfeste Mützen und krisenfeste Schuhe, an. Für alle, die sich dahingehend fortbilden wollen, empfehle ich Weihnachtsmärkte jeglicher Art, wo man schon, sobald das Auge geschult genug ist, anhand des durchschnittlichen Glühweinpreises Rückschlüsse auf die Preisklasse der getragenen Marken ziehen kann. Genaueres entnehmen Sie dem demnächst erscheinenden Band »Einfache Versuchsreihen, selbst gemacht« (voraussichtliche, dreiteilige Verfilmung für das ZDF unter der Regie von Helmut »Le Frisur« Dietl; Veronica Ferres spielt Heino Ferch).

Auch sind wir mittlerweile in der Lage schon von weitem das 2009er Jack Wolfskin-Jackenmodell vom 2010er Schöffel-Anorak nur anhand der Abstufung des vernähten Rottons zu unterscheiden. Man entwickelt auch ein Gefühl für eine gewisse Gesamtoutdoormodeästhetik (liegt an der belgischen Grenze). So geht es zum Beispiel gar nicht, zur schwarzblauen North Face-Windjacke die olivgrüne Wolfskin-Mütze zu tragen. Sieht auch farblich scheisse aus. Oder den 200-Euro-Meindl-Wanderschuh zur 5-Euro-Tinsulate-Mütze vom Discounterkarussell, was durchaus als politsches Statement eingeordnet werden kann, jedoch lange nicht als Ausrde gilt. Es gibt Sachen, die passen nicht. Man will ja schließlich kein Rotkraut zur Auster und keinen, um den sprichwörtlichen roten Faden wieder aufzunehmen, Glühwein zum Schwedeneisbecher. Der Beelzebub steckt wie immer im Detail, die Fashionpolizei ist stets auf Streife!

Genial und deshalb an dieser Stelle erwähnenswert sind Paare, gern älteren Baujahres, die den umgekehrten Partnerlook der selben Marke tragen. Sie schwarzrot, er rotschwarz, beide Salewa. Oder eine bestimmte Gruppe von Leuten, in karminroten Schöffel-Jacken, die gern am Ökoholunderglühweissweinstand zu finden sind. Erzählen viel, vertragen wenig.

Gesehen werden ist alles!

Warum grabe ich dieses winterlich angehauchte Thema gerade im Sommer aus? Während des eigenen Urlaubs, ganau dort, wo sich der Kuckuck zum Uhu macht, begegnete ich unlängst einer noch seltsameren Zurschaustellung eines solchen Leibchens. Während der Verfasser dieser Zeilen, nur aus einem Mindestmaß an Anstand und auch um der völligen Verbrennung durch die niederprasselnden Sonne bei knapp dreißig Grad im Schatten zu engehen, die primären und sekundären Geschlechtsmerkmale durch ein paar fetzige Badehosen (oder wie es ein hier nicht namentlcih genannter Freizeitphilosoph einmal formulierte: untenrum kurzärmlig) und eine noch fetzigere Obertrikotage verhüllt, durch die Binnengewässer dümpelt, nähert sich entgegenkommend ein Herr im Kanu. Dieser trägt eine Mütze, was, wenn man ohnehin nichts am oder im Kopf zu verschenken hat, in der prallen Sonne durchaus nachzuvollziehen ist und sicher auch von drei von vier befragten Ärzten empfohlen wird. Seinen Korpus hat er allerdings in eine Jack Wolfskin-Windjacke (vemutlich aus der 2010er Kollektion) gepackt und diese bis zum Kinn zugezogen. Hut ab! Falls Onkel Jack nicht neuerdings Eiswürfel in die Achselstücken eingearbeitet hat, will man sich den darunter vor sich hin siedenden Rumpf nicht vorstellen.

Wir grüßen vorbeischippernd einander, so unter Binnenschiffern und Modekennern. Nach zweihundert Metern drehe ich mich noch mal um. Sein Wasserfahrzeug ist mittlerweile nur noch ein Punkt am Horizont, die gelbe Tatze auf der rechten Schulter ist aber noch gestochen scharf zu erkennen.


The Beatles »I Am The Walrus« (»Magical Mystery Tour«, 1967)